Mendel (1822-1884)
entdeckte, daß die Vererbungsvorgänge
auf diskreten Erbfaktoren (Genen) beruhen. Die Bedeutung der Mendel'schen
Gesetze
(1866) blieb zunächst unerkannt, bis sie zur Jahrhundertwende von De Vries ,
Correns und Tschermak wiederentdeckt wurden. Boveri und Sutton erkannten 1902
schließlich, daß sich die Mendelschen Gesetze aus dem Verhalten
der Chromosomen in Meiose und Befruchtung widerspruchsfrei ergeben, und begründeten
die Chromosomentheorie der Vererbung. Die Hypothese, daß die
Gene auf den Chromosomen lokalisiert sind, wurde später von MORGAN
et al. an Drosophila bestätigt. Anhand von Fehlverteilungen
konnte BRIDGES bestimmte Gene eindeutig bestimmten Chromosomen zuordnen.
STURTEVANI erbrachte
1913 den Nachweis, daß die Gene linear auf den Chromosomen angeordnet
sind.
Die Aufklärung der chemischen Natur der Gene erfolgte zunächst unabhängig
von den genetischen Untersuchungen. Miescher entdeckte
1869 in den Zellkernen von Lymphocyten eine neue Klasse organischer Stoffe,
die Nucleinsäuren,
die außer Kohlenstoff, Wesserstoff, Sauerstoff und Stickstoff einen hohen
Anteil an Phosphor enthalten. 1944 konnten Avery, Mac
Leod und McCarthy nachweisen,
daß es sich bei den Nucleinsäuren um die materiellen Träger
der Erbinformationen handelte. Der Nachweis von Avery beruht
auf Beobachtungen von Griffith,
der 1928 gezeigt hatte, daß die erblichen Eigenschaften
von abgetöteten auf lebende Bakterien übertragen werden können.
Griffith. Es gelang nachzuweisen,
daß avirulente Bakterien in virulente
umgewandelt werden können, wenn man sie gleichzeitig mit virulenten Bakterien,
die vorher mit Hitzebehandlung abgetöte wurden. Diese Umwandlung nennt
man Transformation. In einer Reihe sorgfältig geplanter Experimente
gelang es Avery et al., die biologisch aktive Fraktion aus den abgetöteten
Bakterien zu isolieren und eindeutig zu zeigen, daß es sich bei dem "transformierenden
Prinzip" um DNA handelt.
Ein weiterer Hinweis dafür ergab sich aus den Versuchen von Hershey und
Chase (1952) an Bakteriophagen; das sind Viren, die Bakterien befallen. Sie
bestehen aus Nucleinsäuren, die von einer Proteinhülle umgeben sind.
Sie setzen sich an der Oberfläche von Bakterien fest und injezieren ihre
Nucleinsäuren ins Bakterieninnere.
Watson und Crick postulierten schließlich die Struktur der DNA: Sie besteht
aus zwei komplementären Strängen, die zu einer Doppelhelix aufgewunden
sind. Kettenbausteine sind die 4 Nucleotide, die aus einer Purin- oder
Pyrimidinbase, Desoxyribose und einem Phosphatrest
bestehen. Sie sind als Zucker-Phosphatester zu langen Polynucleotidketten zusammengesetzt
und weisen eine 5'-3'-Polarität entsprechend der Phosphodiesterbindung
auf (vgl. Abb. 2.1).
Die beiden Stränge haben entgegengesetzte Polarität
und werden durch Wasserstoffbrücken zwischen den basen zusammengehalten.
Dabei paaren sich Adenin und Thymin (A=T) über zwei, Guanin und Cytosin
(GºC) über drei Wasserstoffbrücken.
Damit ergibt sich ein Stoffmengenverhältnis A/T bzw. G/C von jeweils 1.
Die Struktur der DNA erinnert an eine gewundene Strickleiter. Die Basenpaare
liegen als plane Ringe im Inneren der Doppelhelix, das "Zucker-Phosphat-Rückgrat"
liegt außen (vgl. Abb. 2.2).
Basierend auf diesem Modell ergaben sich für Watson und Crick folgende fundamentale Aussagen:
Beide dieser Hypothesen erwiesen sich später als richtig
und haben einerseits zur Entschlüsselung des genetischen Codes, andererseits
zur Aufklärung der Mechanismen der Replikation geführt.
Viele Prokaryoten, Zellorganellen und Viren besitzen ringförmige DNA. Bei
bestimmten Viren ist die DNA auch einsträngig, doch durchlaufen solche
Viren in ihrer Reproduktionsphase ebenfalls ein Doppelstrangstadium. Andere
Viren besitzen RNA in ein- oder doppelsträngiger Form als Erbsubstanz.
Im Verlauf der Zellteilung muß die genetische Information exakt repliziert und gleichmäßig auf die beiden Tochterzellen verteilt werden. Nach dem Watson-Crick-Modell müssen sich die beiden komplementären DNA-Stränge voneinander trennen und können je als Matrize für einen neune Strang dienen (vgl. Abb. 2.3A). Diese Hypothese wird durch das Experiment von Meselson und Stahl bestätigt (vgl. Abb. 2.3B).
Die DNA-Synthese erfolgt enzymatisch durch DNA-Polymerasen,
indem die vier Nucleotidtriphosphate (dATP, dGTP,
dCTP und dTTP) zu einer Polynucleotidkette polymerisiert werden.
Die Polymerisation erfolgt stets in 5'-3'-Richtung; dazu müssen sich die
beiden DNA-Stränge voneinander trennen und entspiralisieren.
Die Initiation der DNA-Replikation beginnt stets an einem definierten
Ort, dem origin of replication (= ori). Dieser besteht aus
einer bestimmten Basensequenz; durch seine Entfernung ist eine selbständige
Replikation der DNA nicht mehr möglich. Die DNA-Sequenz am ori und die
benötigten Proteinfaktoren unterscheiden sich bei verschiedenen Organismen.
Eine Funktionseinheit, die selbständig replizieren kann, nennt man Replicon.
Die Chromosomen der Prokaryoten bestehen i.d.R. aus nur einem Replicon.
Ein Replicon kann vom ori aus in nur einer oder beiden Richtungen gleichzeitig
repliziert werden. Die verschiedenen Replikationsformen bei kreisförmigen
DNA-Molekülen zeigt Abb. 2.4.
Bei höheren Organismen beginnt die Replikation der linearen DNA an zahlreichen
Startpunkten und verläuft meist bidirektional. Definierte ori sind bisher
nicht identifiziert worden. An den Initiationsstellen trennen sich die beiden
DNA-Stränge und es entstehen "Blasen", die schließlich
miteinander verschmelzen (vgl. Abb. 2.4D). Die Initiation der nächsten
Replikationsrunde erfolgt erst, wenn das ganze Chromosom repliziert ist.
Schwesterstrangaustausch. Dabei brechen zwei
Schwesterstränge an entsprechender Stelle und tauschen Segmente aus. Erfolgt
der Schwesterstrangtausch in der zweiten Mitose, manifestiert er sich in nur
einem Chromosomenpaar (einfacher Austausch). Ein Schwesterstrangaustausch
in der ersten Mitose resultiert in einem doppelten Austausch und manifestiert
sich in beiden Chromosomenpaaren. Dieses Verteilungsmuster läßt sich
nur durch die Hypothese einer uninemen Chromosomentruktur erklären.
Das eukaryotische Chromosom enthält also nur eine einzelne DNA-Doppelhelix,
die – ausgehend von zahlreichen Initiationsstellen – seminkonservativ
repliziert wird.
Replikation bei E. coli.
Replikation bei höheren Organismen: Hier sind 4 Polymerasen
bekannt. Die DNA-Polymerasen a und d
sind im Zellkern lokalisiert und an der Replikation des rückläufigen
bzw. führenden Stranges der chromosomalen DNA beteiligt. Die DNA-Polymerase
b scheint bei der Reparation defekter DNA und bei Rekombinationsvorgängen
zwischen DNA-Molekülen eine Rolle zu spielen. Die DNA-Polymerase g
ist hauptsächlich in den Mitochondrien lokalisiert und für die Replikation
der ringförmigen mitochondrialen DNA verantwortlich.
Beadle, Ephrussi und Tatum formulierten die "One gene
- one enzyme"-Hypothese, die besagt, daß ein Gen ein bestimtes Enzym
spezifiziert. Da sowohl DNA als auch Proteine lineare Kettenmoleküle sind,
liegt der Schluß nahe, daß die Reihenfolge der Basenbausteine der
DNA den Aufbau der Proteine bestimmt. Da DNA aus nur vier Nucleotiden, Proteine
aber aus 20 Aminosäuren aufgebaut sind, schloß man auf einen genetischen
Code, mit dem die beiden "Sprachen" ineinander übersetzt werden;
der Nachweis der Gültigkeit dieses Codes gelang Anfang der 60er Jahre experimentell.
Die Information wird aber nicht direkt von der DNA auf das Protein übertragen,
denn bei Eukaryoten ist die DNA im Zellkern lokalisiert, die Proteinsynthese
findet aber im Cytoplasma statt. Jacob und Monod entwickelten das Konzept der
Messengers. Aus der Kinetik der Enzyminduktion schlossen sie, daß eine
kurzlebige Zwischenstufe zwischen DNA und Protein exisitieren muß und
vermuteten, daß es sich um RNA handeln muß, was durch BRENNER, JACOB
und MESELSON später experimentell bestätigt werden konnte. Die Umschreibung
der DNA in RNA ist die Transkription. RNA besteht im Gegesatz
zu DNA aus Ribonucleotiden, die Ribose statt Desoxiribose enthalten, außerdem
wird Thymin durch Uracil ersetzt. RNA, die als Basensequenz die Information
für ein bestimmtes Protein enthält, nennt man messenger-RNA
(mRNA). Die Information in der mRNA wird anschließend in ein
Protein übersetzt (Translation).
Biochemische Untersuchungen bestätigten die Annahme eines Triplett-Codes: Drei Basenpaare codieren für eine Aminosäure (vgl. Tab. 2.1).
Der genetische Code ist prinzipiell universell. Das ist ein Hinweis auf die stammesgeschichtliche Verwandtschaft aller Organismen unerseres Planeten. Ausnhmen sind bisher nur bei Protozoen und Mitochondrien verschiedener Organismen gefunden worden, bei denen einzelne Codons vom universalen Codon abweichen. Der Code enthält zahlreiche Synonyme für einzelne Aminosäuren ("Degeneration des Codes"), die sich meist in der 3. Stelle des Tripletts unterscheiden. Außerdem existiert ein Codon für den Start und 3 für den Stop der Translation.
Bei der Transkription wird die genetische Information von der
DNA zunächst in RNA umgeschrieben. Dabei wird die Information im allgemeinen
nur abschnittsweise und ausschließlich von einem der beiden komplementären
DNA-Stränge abgelesen (s.a. Abb. 2.41). Wenn der
eine Strang eine bestimmte genetische Information enthält, ist die Möglichkeit
der Informationsspeicherung im anderen Strang stark eingeschränkt, da die
beiden ja komplementär sein müssen. Trotzdem werden z.B. bei Viren
mit kleinem Genom in Ausnahmefällen beide DNA-Stränge transkribiert.
Unter bestimmten Bedingungen kann auch eine RNA-Kette mit dem komplementären
DNA-Strang eine stabile Doppelhelix bilden, es entsteht ein sog. Hybridmolekül.
Dieser Umstand hat zur Entwicklung der Methode der Nucleinsäurehybridisierung
geführt (vgl. Abb. 2.8), wobei nur teilweise komplemetäre
RNA- oder DNA-Moleküle an die Zielstränge binden. Da sich die Hybridmoleküle
isolieren und von einsträngigen Molekülen trennen lassen, kann man
mit dieser Methode feststellen, ob zwei Nucleinsäuren komplementäre
Basensequenzen enthalten.
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Abb. 2.8: Hybridisierung
von Nucleinsäuren.
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Bei Eukaryoten sind bisher 4 Hauptklassen von RNA gefunden worden: Ribosomale
RNA (rRNA) bildet einen stabilen Strukturbestandteil
der Ribosomen aus vier unterschiedlichen Bestandteilen (18s-RNA – Bestandteil
der kleinen Ribosomenuntereinheit; 28s- und 5,8s-RNA – Bestandteil der
großen Ribosomenuntereinheit); transfer-RNA (tRNA)
dient als Adaptor bei der Proteinsynthese; small-nuclear-RNA
(snRNA) sind hauptsächlich am Verspleißen der RNA-Moleküle
im Kern beteiligt; messenger-RNA (mRNA) codiert
für Proteine und wird von den Ribosomen in Protein übersetzt.
Die RNA wird von RNA-Polymerasen synthetisiert.
Als Matrize dient i.d.R. doppelsträngige DNA; als Bausteine werden Nucleosidtriphosphate
verwendet (ATP, GTP, CTP, TTP) verwendet.
Die Promotor-, Initiantions- und Terminationssequenzen sind im Gegensatz zu
den Codons von Gen zu Gen und von Organismus zu Organismus verschieden. Sie
repräsentieren sog. Consesnsussequenzen und bilden Erkennungssignale für
die RNA-Polymerase oder bestimmte Proteine, mit denen sie dann wechselwirken.
Bei Prokaryoten sind Gene mit verwandten Funktionen meist zu einer funktionellen
Einheit (Operon, Abb. 2.44) zusammengefaßt, die gemeinsam in eine mRNA
transkribiert werden; dabei entsteht eine polycistronische mRNA. Bei Eukaryoten
sind bisher nur monocystronische mRNA gefunden worden.
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Abb. 2.41: Genstruktur. |
Bei Eukaryoten findet man drei unterschiedliche RNA-Polymerasen. Die RNA-Polymerase
I transkribiert die ribosomalen 18s-, 25s- und 5,8s-Gene und ist hauptsächlich
in den Nucleoli lokalisiert. Die RNA-Polymerase II synthetisiert die
verschiedenen mRNA- sowie die meisten snRNA-Moleküle im Zellkern und ist
v.a. in den Puffs angereichert. Sie wird spezifisch durch a-Amanitin
(Gift des Knollenblätterpilz) gehemmt. Die RNA-Polymerase III
transkribiert die ribosomale 5s-RNA, die tRNA sowie einige virale Gene. Sie
kann nur durch sehr hohe Konzentrationen von a-Aminitin
gehemmt werden.
Häufig entspricht das primäre Transkript nicht der funktionstüchtigen
RNA, sondern wird sekundär modifiziert (RNA-Prozessierung):
Erst die entsprechend modifizierten Transkripte können ihre Funktion als Messenger in der Proteinsynthese, als strukturelle Komponenten des Ribosoms oder als Adaptoren versehen.
Der Vorgang der Proteinsynthese wird als Translation bezeichnet,
weil hierbei der genetische Code (aus 4 verschiedenen Nucleinsäuren aufgebaut)
in ein Protein übersetzt wird (aus 20 verschiedenen Aminosäuren).
Zur Erklärung des Übersetzungsvorgangs hat CRICK die sog. Adaptorhypothese
vorgeschlagen. Diese hat sich als weitgehend zutreffend erwiesen: Das Adaptormolekül
ist die tRNA, das hochspezifische Enzym die Aminoacyl-tRNA-Synthetase. So werden
Aminosäuren an das Adaptormolekül gebunden, die Adaptormoleküle
übertragen ihre Aminosäuren entsprechend der Codons in der mRNA in
den Aminosäurestrang des entstehenden Proteins.
Transfer-RNA-Moleküle sind einsträngig und bestehen aus 70-90 Ribonucleotiden.
Sie enthalten viele ungewöhnliche Basen wie z.B. Pseudouridin
und Ribothymidin (aus Uracil durch Modifikation entstanden). DIe Nucleotidsequenz
vieler tRNA-Moleküle ist heute bekannt, z.T. einschließlich ihrer
dreidimensionalen Struktur. Durch Basenpaarung (A=U und GºC)
ergibt sich eine dreidimensionale, L-förmige Struktur (vgl. Abb. 2.10B),
die zweidimensional an ein Kleeblatt erinnert (Abb. 2.10A).
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Abb. 2.10: Struktur einer transfer-RNA (Phenylalanin-tRNA
von Hefe). |
An einem Ende der L-Struktur liegt das Anticodon (aus drei
Nucleotiden), das komplementär zum entsprechenden Codon ist und eine umgekehrte
5'3'-Polarität aufweisen. Codon und Anticodon können spezifisch miteinander
paaren (Wasserstoffbrückenbindungen). Am anderen Ende des L-förmigen
Moleküls liegt das 3'-Ende mit der Sequenz CCA, der Bindungsstelle für
die Aminosäure. Diese drei Nucleotide werden nicht durch das entsprechende
tRNA-Gen codiert, sondern in den meisten Fällen sekundär durch ein
bestimmtes Enzym addiert. Das Beladen der tRNA mit der entsprechenden Aminosäure
erfolgt durch spezifische Aminoacyl-tRNA-Synthetasen. Die Energie
für die Bildung der Esterbindung wird durch die Hydrolyse von ATP zu AMP
und anorganisches Phosphat geliefert (vgl. Abb. 4.1). Für jede der 20 Aminosäuren
gibt es eine spezielle Aminoacyl-tRNA-Synthetase und ein oder mehrere tRNA-Moleküle
(Isoakzeptoren), die von separaten tRNA-Genen codiert werden. Sie können
das gleiche oder verschiedene Anticodon enthalten.
Ein beladenes tRNA-Molekül kann in manchen Fällen mehr als ein Codon
erkennen; z.B. kann Hefe-Phenylalanin-tRNA an die beiden Codons UUU oder UUC
binden. Crick erklärt das mit seiner Wobbel-Hypothese. Danach ist die Basenpaarung
des dritten Nucleotids eines Codons weniger spezifisch als die der beiden ersten
Basen.
Der Translationsvorgang findet an den Ribosomen statt (Abb.
1.4, 2.11).
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Abb. 2.11: Biosynthese
von Proteinen (Translation). |
Dabei kann ein Messenger gleichzeitig von mehreren Ribosomen
übersetzt werden. Bei Prokaryoten sind Transkription (RNA-Synthese) und
Translation (Proteinsynthese) eng miteinander gekoppelt, da die Ribosomen an
das RNA-Transkript bereits vor seiner Vollendung binden und mit der Proteinsynthese
beginnen. Bei den Eukaryoten (mit Zellkern!) sind die beiden Prozeese getrennt.
Mitochondrien und Chloroplasten haben ihre eigenen Proteinsynthesemaschinerien,
deren Ribosomen bzeüglich ihrer Struktur und Funktion denjenigen der Prokaryoten
ähnlicher sind als denen der Eukaryoten.
Die Richtung der Translation wurde durch Pulsmarkierung (Pulse-chase-Experiment)
von Aminosäuren bestimmt. Nach einem kurzen Puls wird zunächst nur
das Carboxylende der fertigen Polypeptidkette radioaktiv markiert. Mit der Zeit
schreitet die Markierung dann in Richtung Aminoende fort. Daraus kann man schließen,
daß der Einbau der Aminosäuren am Carboxylende zum Schluß erfolgt,
kurz bevor die Polypeptidkette vom Ribosom entlassen wird. Die Translation beginnt
also am Aminoende und endet am Carboxylende.
Auch bei der Translation sind drei Phasen unterscheidbar: Initiation, Elongation
und Termination.
Schon während der Synthese faltet sich das Peptid spontan und nimmt eine bestimmte dreidimensionale Struktur an, die im wesentlichen durch die Primärstruktur der Aminosäuren gegeben ist.
Nach der Translation werden viele Proteine noch sekundär modifiziert:
Die Proteinsynthese kann mit verschiedene Inhibitoren spezifisch gehemmt werden. Puromycin entspricht in seiner Struktur einem tRNA-Molekül, das mit einer Aminosäure beladen ist. Es wird deshalb in die wachsende Polypeptidkette eingebaut und führt zu einem verfrühten Kettenabbruch, weil keine weitere Aminosäure mehr an Puromycin angehängt wird. Chloramphenicol und Cycloheximid sind Inhibitoren der Peptidyltransferase. Cycloheximid wirkt nur auf die cytoplasmatischen Ribosomen der Eukaryoten, Chloramphenicol nur auf prokaryotische Ribosomen von Mitochondrien und Chloroplasten – ein weiterer Hinweis darauf, daß die Mitochondrien und Chloroplasten von Prokaryoten abstammen.
Unter Mutation versteht man ganz allgemein eine Veränderung der genetischen Information; chemisch betrachtet ist sie eine Veränderung der Sequenz oder Anzahl der Nucleotide in der DNA. Mutationen lassen sich klassifizieren als Genmutationen (betreffen einzelne Gene), Strukturmutationen (verändern Chromosomenabschnitte) und Chromosomenmutationen (beeinflussen die Anzahl der Chromosomen). Mutationen sind i.d.R. stabil und werden auf die Tochtergeneration vererbt. Im Gegensatz zur Mutation ist die Modifikation als umweltbedingte, nicht erbliche Veränderungen eines Organismus definiert. Mutation und Modifikation lassen sich in bestimmten Fällen nur schwer gegeneinander abgrenzen. Das gilt v.a. für Dauermodifikationen, die über eine begrenzte Anzahl von Generationen Bestand haben.
Bei haploiden Organismen mit einfachem Genom
zeigt sich die Wirkung einer Mutation unmittelbar, während bei diploiden
Organismen mit doppeltem Chromosomensatz die Manifestation einer Mutation häufig
durch die Anwesenheit des homologen, nichtmutierten Gens unterdrückt wird
(Dominanz des normalen und Rezessivität des mutierten
Gens).
Eine direkte Selektion von Mutanten ist bei Haploiden möglich
(z.B. Penicillinresistenzmutanten). Zellen mit der Mutation vermehren sich zu
Kolonien (Klone).
Die Entstehung der resistenten Zellen wird durch zwei unterschiedliche Hypothesen
erklärt:
Der Unterschied zwischen den beiden Hypothesen läßt sich auf die Frage reduzieren, ob die Resistenz unabhängig vom slektierenden Agens auftritt oder von diesem induziert wird. Das Experiment (Fluktuationstest) zeigt, daß die Mutationshypothese die zutreffende der beiden ist.
Bei Diploiden sind viele Mutationen rezessiv, manifestieren sich also nur in homozygoten Trägern. Die verschiedenen Mutationsformen eines Gens werden als Allele bezeichnet. Zum Nachweis werden drei Kreuzungen (Parentalgeneration, Filial-1- und Filial-2-Generation) benötigt. Das dabei entstehende Phänotypenmuster entspricht den Mendelschen Regeln (vgl. Abb. 2.14).
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Abb. 2.14: Kreuzungsschema zum Nachweis von rezessiven
Lethalmutationen auf dem X-Chromosom von Drosophila. |
Mutationen treten als seltene Ereignisse in der Natur spontan auf. Diese Häufigkeit kann für ein Gen stark schwanken und wird als Mutationsrate gemessen. Bei höheren Organismen mit sexueller Fortpflanzung versteht man unter Mutationsrate die Anzahl der Mutationen pro Gamet und Generation. Die spontane Mutationsrate variiert bei verschiedenen Organismen und Genen beträchtlich und liegt i.d.R. zwischen 10-4 bis 10-9, d.h., das Genom ist sehr stabil. Ursachen für "spontane" Mutationen können sein:
Eine der Hauptursachen liegt in den sog. Insertionssequenzen und Transposons, die sich als "hüpfende" Gene an verschiedenen Stellen ins Genom integrieren und dort Mutationen auslösen können. Spontane Mutationen ereignen sich nicht nur während der Zellvermehrung, sondern auch in stationären Phasen des Zellzyklus.
Experimentell können Mutationen mit physikalischen, chemischen und biologischen Methoden induziert werden.
Röntgen- und g-Strahlung wirken
ionisierend und können dabei chemisch reaktive Radikale erzeugen. Die Abhängigkeit
der Mutationsrate von der Strahlendosis ist für das X-Chromosom von Drosophila
in Abb. 2.15 wiedergegeben. Dabei steigt die Frequenz der induzierten rezessiven
Letalmutationen pro getestetem Chromosom im Bereich zwischen 0,05 und 25 Gy
linear mit der Strahlendosis an.
Säugetiere reagieren im Vergleich zu Drosophila viel empfindlicher auf
ionisierende Strahlen. Beim Menschen liegt die letale Dosis LD50
bei 4-4,5 Gy.
UV-Strahlen wirken v.a. bei Bakterien mutagen, bei höheren Organismen ist v.a. die Haut betroffen. Die wirksamste Wellenlänge liegt bei ca. 260 nm (Absorptionsmaximum der DNA). Die wesentliche photochemische Wirkung der UV-Strahlung liegt in der Induktion von Pyrimidindiemeren. Dabei werden zwei im gleichen Strang benachbarte Pyrimidine (am häufigsten zwei Thymidinreste) kovalent gebunden (Abb. 2.16).
physikalische Mutagenzien |
Wirkung auf die DNA |
| ionisierende Strahlung | Bildung von Radikalen |
| Röntgen-, a-, b-, g-, Neutronenstrahlung | Brechen der Phosphodiesterbindung Kovalente Verbindung der beiden DNA-Stränge |
| UV-Strahlung | ![]() |
| Hitze | Depurinierung |
Solche Dimere hemmen die DNA-Synthese, falls sie nicht durch spezielle Enzyme repariert werden, wobei während der Reperatur mit bestimmter Wahrscheinlichkeit Fehler auftreten. Es sind verschiedene Reperaturmechanismen nachgewiesen
Mutationen, die diese drei Reparaturmechanismen inaktivieren,
führen zu stark erhöhten Mutationsraten nach UV-Bestrahlung. Selbst
bei intakten Reparaturmechanismen treten Mutationen auf, da die genannten Systeme
nicht absolut fehlerfrei funktionieren.
Beim Menschen ist die Xeroderma pigmentosa (Überempfindlichkeit gegen UV-Strahlung
und Sonnenlicht) bekannt, die sich in der Bildung brauner Flecken in der Haut
äußert und durch eine Mutation verursacht wird, die ein Enzym für
Excisionsreparatur inaktiviert. Durch die erhöhte Mutationsrate nach UV-Bestrahlung
entsteht häufig Krebs.
Hohe Temperaturen, v.a. zusammen mit niedrigem pH, führt zu Depurinierung der DNA, d.h. zur Spaltung der Bindung zwischen den Purinbasen und der Desoxyribose und zur Freisetzung der Purine. Bei der nächsten DNA-Replikation werden die fehlenden Purine durch beliebige Basen ersetzt, so daß Mutationen entstehen.
Bestimmte Chemikalien sind besonders mutagen. Entweder wirken sie direkt auf die DNA oder erzeugen indirekt mutagene Stoffwechselprodukte. Zudem können sie auf den Zellteilungsmechanismus einwirken. Dazu gehören
Der genaue chemische Wirkungsmechanismus ist schwierig zu bestimmen, da Mutationen, bezoge auf die Anzahl der Basenpaare in der DNA, seltene Ereignisse sind. Der am häufigsten in vitro beobachtete chemische Wirkungsmechanismus braucht deshalb nicht unbedingt mit dem Mechanismus in vivo übereinzustimmen.
| chemische Mutagenzien | Auswirkung auf die DNA |
| salpetrige Säure HNO2 | ![]() |
| Hydroxylamin NH2-OH | ![]() |
alkylierende Substanzen: |
Transition, Transversion, Deletion |
"Nitrosoguanidin" |
Alkylierung der Basen - löst vor allem im Bereich der Replikationsgabel Mutationen aus |
basenanaloge Verbindungen
|
A-T ® A-BU ® G-BU ® G-C G-C ® G-BU ® A-BU ® A-T
AT Û GC
Transitionen |
interkalierende Substanzen
|
Mutagens, Addition |
Mutagenitätstests haben ergeben, daß 90% aller carcinogenen Substanzen auch mutagen wirken. Zwei besonders potente Carcinogene – Aflatoxin B, das Gift des Schimmelpilzes und Bezopyren aus dem Tabakrauch – sind an sich zwar nicht mutagen, werden jedoch in der Leber von bestimmten Enzymen zu stark mutagenen Verbindungen umgewandelt.
Erst in neuer Zeit sind Transposons und Retroviren allgemein als wichtige mutagene Agenzien erkannt worden. Die hüpfenden Gene können sich an zahlreichen Stellen des Genoms ihres Wirtes einfügen und damit eine codierende Sequenz unterbrechen oder die Genregulation stören. Nach ihrer Insertion erzeugen sie oft sekundäre Mutationen wie Deletionen und Inversionen.
Der Gentechniker kann durch bestimmte Methoden der Gentechnik Mutationen gezielt in einem bestimmten Basenpaar erzeugen. Dazu muß das Gen zunächst isoliert, in vitro mutiert und dann wieder in den Organismus eingesetzt werden.
Genmutationen betreffen einzelne Gene, im Extremfall
ein einzelnes Basenpaar (Punktmutation). Die molekularen Grundlagen
einer Punktmutation wurden erstmals bei der menschlichen Sichelzellenanämie
aufgeklärt. Im Vergleich der normalen Aminosäuresequenz des Hämoglobin
A (HbA) und Sichelzellenhämoglobin (HbS) zeigt sich anstelle der Glutaminsäure
in Stellung 6 ein eingebautes Valin. Daher muß im genetischen Code an
der entsprechenden Stelle ein Glutaminsäure-Codon (GAA oder GAG) zu einem
Valin-Codon (GTA oder GTG) mutiert sein. Die Substitution eines einzelnen Basenpaares
kann also eine Erbkrankheit auslösen, die zu einem frühen Tod führt.
Man unterscheidet verschiedene Genmutationen:
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Abb. 2.17: Hämoglobinmutanten
beim Menschen. |
Strukturmutationen sind Chromosomenabberationen, die
man unter günstigen Bedingungen im Lichtmikroskop erkennen kann. Unter
bestimmten Bedingungen (z.B. UV- oder ionisierende Strahlung, bestimmte chemische
Mutagenzien, Nucleasen) kann das DNA-Molekül gespalten werden, so daß
daß Chromosomenbrüche entstehen. Bei Trägern z.B. der Franconis-Anämie
ist die Häufigkeit spontaner Chromosomenbrüche stark erhöht.
Acentrische Fragmente (ohne Centromer) werden bei der Mitose nicht zu den Spindelpolen
gezogen, bleiben im Cytoplasma liegen und gehen verloren.
Abb. 2.18 zeigt mögliche Chromosomenabberationen.
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Abb. 2.18: Strukturmutationen. |
Chromosomenmutationen können entweder ganze Chromosomensätze betreffen, so daß sich die resultierende Chromosomenzahl als ganzzahliges Vielfaches der haploiden Grundzahl ergibt (Euploidie), oder einzelne Chromosomen bzw. Chromosomengruppen zahlenmäßig verändern (Aneuploidie). Beim Menschen sind Chromosomenmutationen von großer Bedeutung, denn mindestens 15% aller Schwangerschaften führen zu einem spontanen Abort. Nach cytologischen Untersuchungen weisen ca. 37% der letalen Föten Chromosomenmutationen auf. Unter den Neugeborenen haben etwa 0,5% Chromosomen- und Strukturmutationen. Chromsomenmutationen beruhen i.d.R. auf einer Fehlverteilung der Chromosomen während Meiose oder Mitose. Die Fehlverteilung der Chromosomen (Nondisjunction) wurde erstmals von BRIDGES (1914) aus den Geschlechtschromosomen von Drosophila nachgewiesen. Abb. 2.21 zeigt die Ergebnisse.
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Abb. 2.21: Fehlverteilung der Geschlechtschromosomen
bei Drosophila-. |
Es gibt folgende Typen der Chromosomenmutationen:
Eine Mutation kann auf verschiedene Weise wieder rückgängig gemacht werden:
Bei der Entschlüsselung des genetischen Codes wurden am
rII-Locus des Bakteriophagens T4 drei Nonsense-Mutationen gefunden,
die den Terminationscodons UAG UAA und UGA entsprechen und jeweils von entsprechenden
Suppressorgenen supprimiert werden. Die Mutanten – bzw. die entsprechenden
Suppressoren – werden mit den Trivialnamen amber für UAG,
ocker für UAA und opal für UAG bezeichnet. Während
bei Nonsense-Mutationen (in nichtpermissiven Stämmen) ein vorzeitiger Kettenabbruch
bei der Proteinsynthese erfolgt, wird in Suppressorstämmen ein Protein
normaler Kettenlänge gebildet, das jedoch an der Stelle des Nonsense-Codons
eine für das entsprechende Suppressor-Gen typische Aminosäure enthält.
Sequentzierungsstudien haben ergeben, daß die drei Nonsense-Codons auch
als natürliche Terminationscodons funktionieren. Es ist deshalb überraschend,
daß eine Suppressormutation nicht letal ist, da die normale Termination
bei allen Proteinen, die mit dem betreffenden Terminationscodon enden, unterbleiben
sollte. Suprressorstämme verfügen jedoch meist über zusätzliche
tRNA-Gene. Außer dem Terminationscodon spielen auch andere Faktoren bei
der Temination eine wichtige Rolle. Häufig findet man zudem zwei verschiedene
Terminationssignale hintereinander am Ende eines Gens. Nosense-Suppressoren
wurden auch bei Hefen und Nematoden gefunden.
Mutationen können durch einen Komplementationstest (cis-trans-Test) bestimmten Genen zugeordnet werden. Das Prinzip der Komplementation zeigt Abb. 2.23 anhand von drei rezessiven Mutanten, m1, m2 und m3. Der cis-trans-Test erlaubt es festzustellen, ob diese Mutanten Allele des gleichen Gens sind oder ob sie verschiedenen Genen zuzuordnen sind. Aufgrund dieses Tests kann das Gen als eine Funktionseinheit (Cistron) definiert werden, die den Wildphänotyp erzeugt. Mutationen in verschiedenen Cistrons komplementieren einander, während sich Mutationen im gleichen Cistron nicht zu komplementieren vermögen.
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Abb.2.22: Komplementationstest. |
Intragene Komplementation: In manchen Fällen komplementieren auch verschiedene Allele, die im gleichen Gen oder Cistron liegen. In diesen Fällen ist die Komplementation aber stets unvollständig, so daß in der trans-Konfiguration im Vergleich zum Wildtyp eine stark reduzierte Enzymaktivität gemessen wird. Intragene Komplementation wurde bisher nur bei Proteinen beobachtet, die aus zwei oder mehr Untereinheiten bestehen. Sie beruht auf einer Wechselwirkung zwischen den mutierten Polypeptidketten. Der Defekt in der Faltung der einen Kette kann durch die Mutation in der anderen Kette partiell korrigiert werden, so daß das multimere Protein wenigstens teilweise aktiv ist.
Die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der Vererbung
wurden von Mendel erkannt, der postulierte, daß die Vererbung auf einzelnen
diskreten Erbfaktoren beruht. Er leitete die Existenz von partikulären
Zellelementen (den heutigen "Genen") ab, die den untersuchten
Merkmalen zugrunde liegen.
Kurz nach der Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze zeigten Morgan und andere
Genetiker, daß die Gesetze für diploide Organismen mit geschlechtlicher
Fortpflanzung allgemein gültig sind (vgl. Abb. 2.24 für Drosophila).
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Abb. 2.24: Monohybrider Erbgang: Segregation von Allelen. |
Die Abbildung 2.24 zeigt einen monohybriden Erbgang,
bei dem nur ein Gen in zwei Allelen beobachtet wird. Es ergibt sich in der F2-Generation
eine Verteilung im Verhältnis von 1:2:1.
Ein dihybrider Erbgang ist in Abb. 2.25 gezeigt. Die beiden beobachteten Gene
liegen auf verschiedenen Chromosomen, sind also nicht gekoppelt. In der F2-Generation
ergibt die Verteilung ein Verhältnis von 9:3:3:1. Dabei entstehen auch
neue Kombinationen wie, z.B. Doppelmutanten, die beide elterliche Mutationen
in sich vereinigen. Dieser Vorgang wird allgemein als Rekombination
bezeichnet.
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Abb. 2.25: Dihybrider Erbgang: Unabhängige Aufspaltung von nichtgekoppelten
Genen. |
Die Segregation der Gene läßt sich auf Grund der Chromosomentheorie
der Vererbung und des Verhaltens der Chromosomen in der Meiose
erklären. Die Gene eines Genpaares sind in homologen Chromosomen lokalisiert.
In der Prophase der ersten meiotischen Teilung legen sich die homologen Chromosomen
parweise aneinander und wandern anschließend zu entgegengesetzten Spindelpolen,
so daß die Partner des Genpaares voneinander getrennt werden. Dabei ist
die Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Gen zum einen oder andern Spindelpol
wandert gleich groß: Die Verteilung erfolgt zufällig. Da verschiedene
Chromosomenpaare in der Meiose unabhängig voneinander segregieren, spalten
Gene auf verschiedenen Chromosomen unabhängig voneinander auf.
Aufgrund der Mendelschen Gesetze handelt es sich um statistische Gesetzmäßigkeiten,
und die beobachteten Zahlenverhältnisse zeigen eine relativ breite Streuung.
Aufgrund der Chromosomentheorie der Vererbung ist zu erwarten, daß Gene, die auf dem gleichen Chromosom liegen, nicht unabhängig voneinander, sondern gemeinsam segregieren (Kopplung). Durch Rekombination kann die Kopplung jedoch durchbrochen werden. Dies läßt sich leicht demonstrieren (Abb. 2.26).
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Abb. 2.26: Kopplung und Rekombination. |
Man spricht im Falle des Drosophila- von absoluter Kopplung. Demgegenüber treten in der Nachkommenschaft des heterozygoten F1-€ außer den beiden Parentaltypen auch Rekombinanten (vg pr+ und vg+ pr) auf, die in P und F1 fehlen. Die Frequenz dieser Rekombinanten wird im Rekombinationswert erfaßt, der die Zahl der Rekombinanten bezogen auf die Gesamtzahl der Nachkommen angibt. 1% Rekombinationswert wird als 1 Centi-Morgan (CM) definiert. Die Frequenzen der beiden Rekombinantenklassen im gewählten Beispiel ist etwa gleich, was auf einen reziproken Genaustausch schließen läßt. Die Rekombination der Markierungsgene beruht auf einem Crossover-Vorgang in der Meiose (vgl. Abb. 2.27). Dabei werden Chromosomensegmente mit den entsprechenden Markierungssegmenten reziprok vertauscht. Der Crossover-Vorgang manifestiert sich cytologisch in der Ausbildung von Chiasmata während der meiotischen Prophase.
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Abb. 2.27: Reziproker Austausch (Crossover) in der Meiose:
A ohne Crossover, B mit Crossover. |
Aufgrund der beobachteten Unterschiede im Rekombinationswert verschiedener Gene
ist dieser ein Maß für den Abstand zweier Gene auf dem Chromosom.
Wenn nämlich Crossover an jedem Ort des Genoms mit gleicher Wahrscheinlichkeit
stattfindet, ist zu erwarten, daß die Anzahl der Crossover dem Abstand
zwischen zwei Genen proportional ist. Diese Hypothese ist leicht mit einem sog.
Dreipunkteversuch
zu belegen.
Durch eine Reihe solcher Dreipunktversuche mit verschiedenen Markierungsgenen
konnte Sturtevant nachweisen, daß die Gene linear auf dem Chromosom angeordnet
sind, und Rekombinationskarten mit der korrekten Genreihenfolge ermitteln (Abb.
2.29). Rekombinations- und Deletionskartierung stimmen in der Genreihenfolge
miteinander überein. Durch Isolation der entsprechenden DNA-Segmente kann
zudem gezeigt werden, daß die Rekombinationskarte auch der physikalischen
DNA-Karte entspricht.
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Abb. 2.29: Genkarte des X-Chromosoms von Drosophila melanogaster. |
Der physikalische Austausch von Chromosomensegmenten beim Crossover ist von Stern bei Drosophila mit Hilfe genetisch und cytologisch markierter Chromosomen untersucht worden (vgl. Abb. 2.30).
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Abb. 2.30: Physikalischer Austausch von Chromosomensegmentenn bei
der Rekombination. |
Wie man sieht, ist die Rekombination also mit einer cytologischen Rekombination verbunden, d.h. mit einem physikalischen Austausch von Chromosomensegmenten.
Damit eine Rekombination stattfinden kann, müssen die homologen Chromosomen in der Meiose gepaart sein. Strukturen, die eine Chromosomenpaarung erschweren oder verhindern, unterdrücken die Rekombination. Solche Strukturmutationen werden deshalb für die Konstruktion von Balancer-Chromosomen verwendet, die die Rekombination verhindern sollen. Wie aus Abb. 2.31 ersichtlich, führt bei Heterozygoten ein einfaches Crossover innerhalb einer paracentrischen Inversion zu einem dicentrischen Chromosom (mit 2 Centromeren) und einem acentrischen Chromosomenfragment.
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Abb. 2.31: Crossover bei Inversionsheterozygoten. |
Das dicentrische Fragment bildet in der Anaphase der Kernteilung eine "Chromosomenbrücke", die an irgendeiner Stelle reißt, da die beiden Centromere zu entgegengesetzten Spindelpolen gezogen werden. Da acentrische Fragment bleibt in der Anaphase liegen, da es keine Ansatzstelle für Spindelfasern besitzt, und geht nach der erneuten Bildung der Kernmembran im Cytoplasma verloren. In beiden rekombinanten Chromosomen gibt es also Deletionen und z.T. auch Duplikationen, so daß die daraus entstehenden Zygoten nicht lebensfähig sind. Trotzdem beobachtet man sowohl bei Drosophila als auch bei Pflanzen kaum eine erhöhte Letalität bei Heterozygoten für eine paracentrische Inversion. Wie cytologische Untersuchungen zeigen, ist dies darauf zurückzuführen, daß die abberanten (rekombinanten) Chromosomen in die Polkerne abgestoßen werden und nur die normalen (parentalen) Chromosomen in den Eikern gelangen. Deshalb ist die Rekombination bei Heterozygoten für eine paracentrische Inversion scheinbar unterdrückt. Ein doppeltes Crossover innerhalb der Inversion hat cytologisch keine negativen Konsequenzen, wenn nur zwei Chromatiden beteiligt sind, so daß z.B. Markierungsgene dennoch durch Rekombination in Inversionen eingeführt werden können. Pericentrische Inversionen (Abb. 2.31B), bei denen das Centromer innerhalb der Inversionsschleife liegt, setzen die Rekombinationsfrequenz aus anderen Gründen herab. Ein einfaches Crossover innerhalb der Inversionsschleife führt in diesem Fall zur Bildung von Duplikationen bzw. Deletionen, die eine erhöhte Sterblichkeit der Zygoten verursachen. Damit wird wiederum der Anteil der Rekombinanten unter den lebensfähigen Nachkommen stark verringert.
Durch Feinstrukturanalyse kann gezeigt werden, daß die
klassische Vorstellung, die Gene seien auf dem Chromosom wie Perlen auf einer
Schnur aufgereiht und Rekombination sei wie Austausch einzelner Perlen zwischen
den Schnüren, nicht ganz zutrifft, denn es findet auch intragene
Rekombination statt.
Rekombination zwischen zwei weit voneinander entfernten Markierungsgenen ist
reziprok und führt zu einer 4:4-Aufteilung. Diese reziproke Rekombination
wird als Crossover bezeichnet. Untersucht man jedoch die seltenen
Rekombinationsereignisse zwischen zwischen zwei Mutanten a1
und a2 des gleichen Gens, die sehr
eng gekoppelt sind, so findet man einen hohen Anteil an (6:2)-Asci (Abb. 2.33).
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Abb. 2.33: Intragene Rekombination beim Schlauchpilz Neurospora. |
Diese nichtreziproke Form der intragenen Rekombination bezeichnet man als Genkonversion. Außerdem treten noch (5:3)-Asci auf, die darauf hindeuten, daß in diesem Fall die Segregation erst nach der Meiose in der darauffolgenden Mitose erfolgt (postmeiotische Segregation).
Es sind verschiedene Modelle für den molekularen Mechanismus der Rekombination und das Auftreten von Crossover, Genkonversion und postmeiotische Segregation vorhanden, die alle auf der Annahme basieren, daß eine Chromatide aus einer DNA-Doppelhelix bestehen. In der meiotischen Prophase kann man daher von 4 gepaarten Doppelhelices ausgehen (Abb. 2.34).
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Abb. 2.34: Modell des Mechanismus der Rekombination. |
Im Verlauf der Rekombination brechen einzelne DNA-Stränge und werden mit anderen neu verknüpft. Da während der Meiose i.d.R. keine Mutationen entstehen, muß dieser Vorgang mit großer Präzision erfolgen und zusätzlich durch Reparaturmechnismen abgesichert sein. Die postmeiotische Segregation weist darauf hin, daß bei abberanter Segregation (z.B. 5:3) am Ende der Meiose DNA-Moleküle vorliegen, die aus zwei verschiedenen, nicht komplementären Strängen bestehen (Heteroduplexe).
Die intragene Rekombinationsanalyse erlaubt es, den Abstand von Mutationen innerhalb eines Gens zu bestimmen. Das Gen läßt sich in zahlreiche Mutationsorte auflösen, deren Abstand der Rekombinationsfrequenz proportional ist. Das Gen erscheint somit prinzipiell nicht mehr als unteilbares Quantum, sondern es entspricht einem DNA-Segment, bestehend aus einer Sequenz von Basenpaaren, die einzeln mutieren und rekombinieren können.
Rekombination kann auch zwischen homologen Genen (bzw. homologen DNA-Sequenzen) erfolgen, die an verschiedenen Loci oder sogar auf verschiedenen Chromosomen liegen. Ungleiche Rekombination (unequal crossover) bei tandemrepetierten Genen wurde bereits beschrieben (Abb. 2.19).
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Abb.2.22: Komplementationstest. |
In diesem Fall paaren die homologen (oder partiell homologen) Gene versetzt, so daß der Crossover-Vorgang durch Deletion bzw. Duplikation einer Genkopie führt. Es können aber auch DNA-Segmente zwischen partiell homologen Genen ausgetauscht werde, die auf verschiedenen Chromosomen liegen (intergenetische Konversion).
Bei Prokaryoten ist ortsspezifische Rekombination nachgewiesen worden. Der Lambda-Phage kann sich nach dem Eindringen in eine Bakterienzelle entweder vermehren und schließlich die Zelle auflösen oder seine DNA als sog. Provirus durch einen Crossover-Vorgang an einer bestimmten Stelle ins Bakterienchromosom einfügen. Die Homologie zwischen Bakterien- und Phagen-DNA am Integrationsort beschränkt sich auf 15 Basnepaare. Dieser Rekombinationsvorgang läßt sich in vitro rekonstruieren. In den meisten Fällen erfolgt das "Herausschneiden" des Phagens auf die Base genau. In seltenen Fällen wird jedoch ein Stück Wirts-DNA mit herausgeschnitten und in Phagenpartikel verpackt. Bei der nächsten Infektion können dann solche Partikel auch Wirtsgene von einem Bakterium auf ein anderes übertragen (Transduktion). Transduktion kommt auch bei höhere Organismen vor, bzw. bei der Übertragung von Oncogenen durch Retroviren.
Es gibt neben der homologen und ortsspezifischen Rekombination
auch eine "illegitime" Form der Rekombination, die zwischen nichthomologen
DNA-Sequenzen erfolgt. Sie ist charakteristisch für transponierende
genetische Elemente, die keinen festen Platz im Genom besitzen (hüpfende
Gene).
Bei den einfachsten dieser Elemente, den Insertionssequenzen
(IS), handelt es sich um definierte DNA-Segmente (einige 100
bp), die sich an neuen Chromosomenorten integrieren können. Diese Transposition
erfolgt weitgehend unabhängig von der normalen homologen Rekombination
und besteht in einer lokalen Replikation des IS-Elements, einem präzisen
Herausschneiden des Elements an den Enden, dem Aufschneiden der Wirts-DNA und
schließlich der Verknüpfung des replizierten Elements mit der Wirts-DNA
an einem anderen Ort. Als Erkennungssignal für das Herausschneiden dienen
kurze umgekehrt-repetitive Sequenzen an den Elementenden. An der Insertionsstelle
entsteht je nach Element in der Zielsequenz eine kurze Duplikation (z.B. 5 b),
deren Entstehung vermutlich darauf beruht, daß die Endonuclease die Wirts-DNA
mit einem um 5 b versetzten Schnitt auftrennt. Nach dem Einsetzen des Elements
werden dann beiderseits die fehlenden 5 b des entsprechenden DNA-Strangs repliziert.
Die Anzahl der möglichen Integrationsorte ist i.d.R. sehr groß, obwohl
eine gewisse Sequenzspezifität besteht. IS-Elemente kommen außer
im Bakterienchromosom auch in Bakteriophagen und Plasmiden vor.
Transposomen tragen zusätzlich zu den Genen, die die Transposition
steuern, noch weitere Gene. In der Regel bestehen sie aus zwei die betreffenden
Gene flankierenden IS-Elementen. Diese können gleich oder umgekehrt orientiert
sein. Transposonen sind von großer medizinischer Bedeutung, da sie Resistenzgene
gegen Antibiotika übertragen können. Oft liegen mehrere Transposonen
nebeneinander auf Resistenzfaktorplasmiden. Bakterien mit solchen
R-Plasmiden sind gegen eine Anzahl verschiedener Antibiotika resistent und können
ihre Plasmide von einer auf die andere Bakterienart übertragen.
Zu den komplexen transponierenden Elementen gehören bestimmte Bakteriophagen
(z.B. Mu; kann an nahezu beliebigen Stellen ins Bakterienchromosom integrieren).
Die transponierenden Elemente reichen also vom voll ausgebildeten Bakteriophagen
(eindeutig ein intragenomischer Parasit) bis hin zu IS-Elementen (wenige 100
bp) als parasitische DNA. Fraglich ist, wie die Evolution hier abgelaufen ist.
Auch bei Eukaryoten sind zahlreiche transponierende Elemente gefunden worden
(Box 2.1). Sie zeichnen sich durch terminal
direkt oder umgekehrt repetierende Sequenzen aus.
Bei den Retroviren erfolgt die Transposition über eine
RNA-Zwischenstufe. Das Genom der Retroviren besteht aus einsträngiger RNA,
die bei der Replikation in doppelsträngige DNA umgeschrieben wird. Der
Informationsfluß erfolgt also nicht wie üblich von der DNA zur RNA,
sondern umgekehrt (Name!). Abb. 2.35 zeigt einen Replikationszyklus.
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Abb. 2.35: Entwicklungszyklus eines Retrovirus. |
Wichtige Beispiele für Retroviren sind z.B. Influenza oder AIDS.
Ähnlich wie bei Retroviren erfolgt die Transposition von Ty-1- und copia- ähnlichen Elementen über eine RNA-Zwischenstufe, so daß man die Elemente als Retrotransposonen bezeichnet. Sie zeigen eine ähnliche Struktur wie Retroviren mit flankierenden LTR, die Promotoren und Polyadenylierungssignale enthalten. Zudem lassen sich Sequenzhomologien zu retroviraler Reverstranskriptase nachweisen. Außerdem findet man bei Drosophila-Zellkulturen Partikel, die Retroviruspartikel ähnlich sind und vollständige Copia-RNA enthalten. Für Ty-1 ist nachgewiesen, daß beim Transpositionsvorgang Introns herausgespleißt werden, was auf eine RNA-Zwischenstufe hindeutet. Insertion und Transposition darüber wird auch für eine zweite Klasse von Elementen angenommen, zu denen die F-Elemente von Drosophila sowie eine Klasse von Pseudogenen. Diese Elemente sind durch einen PolyA-Trakt am 3'-Ende des einen DNA-Strangs charakterisiert, dem ein Polyadenylierungssignal (AATAAA) vorausgeht. Sie erzeugen Duplikationen von variabler Länge am Insertionsort und weisen keine LTR auf. Die Pseudogene sind eigentlich Kopien der entsprechenden mRNA und haben weder Introns noch einen eigenen Promotor. Auch die sog. Alu-Sequenzen beim Menschen entstehen wahrscheinlich durch Reverstranskription.
Darunter versteht man die Übertragung genetischer Information
auf einen Organismus durch isolierte DNA. Dies gelang zum ersten mal bei Pneumokokken.
Bei Bakterien beruht der Transformationsvorgang auf der Aufnahme der Spender-DNA
und deren ortsspezifischer Integration ins Chromosom, wobei mindestens partielle
Sequenzhomologie zwischen Wirts- und Spender-DNA bestehen muß. Integriert
wird nur ein Strang der Spender-DNA, obwohl doppelsträngige DNA aufgenommen
wird. Dadurch entsteht ein Heteroduplex von bis zu mehreren kb Länge. Bei
der nächsten Replikation trennen sich Spender- und Empfängerstränge
voneinander und weden kopiert, so daß zwei Homoduplexe entstehen und eine
der beiden Tochterzellen transformiert ist.
Auch bei der Hefe (Saccheromyces cervisiae) sind Methoden
zur genetischen Transformation entwickelt worden. Als Vektor zur Übertragung
der DNA kann man das sog. 2-Mikron-Plasmid verwenden, das als natürliches
Plasmid bei vielen Hefestämmen in 50-100 Kopien pro Zelle vorkommt und
autonom repliziert wird. Autonom replizierende Plasmide können auch aus
bestimmten chromosomalen DNA-Sequenzen konstruiert werden (Autonom
Replizierende Sequenzen, ARS).
Bei einzelligen Mikroorganismen lassen sich seltenen Transformanten aus Populationen
mit 106-108 Zellen herausselektieren, bei höheren Metazoen ist das schwierig
bis unmöglich; trotzdem sind für Drosophila und Maus Methoden der
genetischen Transformation entwickelt worden, die es erlauben, Gene in die Keimbahn
einzuführen. Dabei werden eine große Anzahl DNA-Moleküle direkt
ins befruchtete Ei injiziert, was die Integrationswahrscheinlichkeit erhöht.
Bei Drosophila wurde außerdem das P-Transposon als Vektor
eingesetzt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Wirtsgenom eingebaut wird (vgl.
Abb. 2.36).
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Abb. 2.36: Gentransfer in die Keimbahn von Drosophila mit
Hilfe des P-Transposons. |
Bei der Maus kommt es relativ häufig
zu Integration und Ligation nichthomologer Sequenzen. Die bisher erfolgreichste
Methode besteht darin, ca. 100-1000 Genkopien (lineare doppelsträngige
DNA) in den männlichen Vorkern befruchteter Eier zu injizieren. Die sich
entwickelnden Embryonen werden dann in eine Ammenmaus implantiert und können
sich zu Mäusen entwickeln, die die injizierte DNA in ihre Chromosomen eingebaut
haben (transgene Mäuse). Mit 25 % liegt die Transformationsfrequenz
außerordentlich hoch. Im Gegensatz zur Transformierung von Drosophila
mit P-Transposonen werden jedoch bei der Maus häufig mehrere Genkopien
ins Genom eingebaut. Dabei scheinen die einzelnen Genkopien zu tandemrepetierten
Komplexen (Concatemeren) verknüpft zu werden, die sich dann durch unspezifische
(illegitime) Rekombination ins Chromosom integrieren. Dadurch resultiert eine
stark schwankende Genexpression.
Auch Retroviren können als Vektoren dienen. Dabei macht
man von ihrer Fähigkeit Gebrauch, Wirtszellen zu infizieren und als Provirus
in die Wirtschromosomen zu integrieren. Das Spendergen wird in vitro
in den Retrovirusvektor als "Passagier" eingesetzt. Anschließend
werden junge Mausembryonen mit dem konstruierten Virus infiziert, so daß
der Vektor mit den Passagieren in die Chromosomen der Keimbahnzellen integrieren
kann. Aus diesen transformierten Keimbahnzellen können sich schließlich
transgenische Mäuse entwickeln. Retroviren sind auch zur Gentherapie
von somatischen Zellen verwendet werden.
Die Gentechnik beruht auf der Möglichkeit, DNA einerseits in vitro zu manipulieren und sie andererseits in vivo zu prüfen und zur Expression zu bringen. In der Gentechnik nimmt E. coli mit seinen Phagen und Plasmiden eine zentrale Stellung ein, da ein großer Teil des Instrumentariums von diesem Modellorganismus stammt und fremde DNA-Sequenzen in E. coli effizient vermehrt werden können. Dazu wurden erst Methoden der in-vitro-Rekombination entwickelt. Es ist dabei notwendig, DNA-Moleküle in definierte Fragmente zu spalten. Dazu werden Restriktionsenzyme verwendet, die zum Abwehrdispositiv von Bakterien gegen eindringende Fremd-DNA gehören: Endonucleasen, die bestimmte Basensequenzen erkennen und spalten. Durch eine nach der Spaltung eingesetzte Ligase können die Bruchstücke willkürlich wieder zusammengefügt werden (vgl. Abb. 2.37), was einer Rekombination in vitro entspricht.
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Abb. 2.37: Spaltung (Restriktion) und Verknüpfung (Ligation) von DNA-Molekülen. |
Mit dieser Methode können Hybridplasmide
konstruiert werden. Die in vitro kostruierten Hybridplasmide lassen sich zur
Genklonierung und damit zur Isolation bestimmter Gene verwenden. Das Vektorplasmid
trägt außer einem Ursprung für die Replikation (ori) ein Resistenzgen,
z.B. gegen Ampicillin (AmpR in Abb. 2.38). Man
transformiert deshalb einen ampicillinsensitiven Bakterienstamm mit dem Ligationsgemisch,
das die Hybridplasmide enthält, und plattiert Bakterien auf einer Agarplatte
mit Ampicillin aus (vgl. Abb. 2.39). Dabei überleben nur die Bakterien,
die durch die Aufnahme eines Plasmids ampicillinresistent geworden sind. Da
die Transformation ein seltenes Ereignis ist, wird pro Zelle höchstens
ein Plasmid aufgenommen. Die transformierte Zelle teilt sich (Klon); man nennt
das Verfahren daher auch Genklonierung.
Durch Isolation einer großen Anzahl von Klonen können Genbibliotheken
aufgebaut werden, die das ganze Genom eines Organismus umfassen. Für den
Menschen bedeutet das etwa eine Million Klone von durchschnittlich 15 kb Länge,
während bei Drosophila nur ca. 50.000 Klone benötigt werden. Danach
können die verschiedenen Gene identifiziert werden.
Zur charakterisierung des betreffenden DNA-Abschnittes erstellt man zunächst
eine Restriktionskarte, die angibt, wo die Schnittstellen für bestimmte
Restriktionsenzyme liegen. Durch RNA-Hybridisierung kann man feststellen, welche
Abschnitte der DNA in RNA übersetzt werden und welcher der beiden DNA-Stränge
abgelesen wird. Schließlich kann man die vollständige Basensequenz
bestimmen, aus der sich i.a. auch die Sequenz der Aminosäuren
im Polypeptid ableiten läßt.
Als Sonden zur Genklonierung können sowohl die RNA- als auch das Proteinprodukt
verwendet werden. Bei geeigneten Organismen (z.B. Drosophila) stehen
heute Methoden zur Verfügung, die es erlauben, jedes beliebige Gen zu isolieren,
von dem einige geeignete Mutanten bekannt sind, ohne daß irgendwelche
Kenntnisse über die biochemischen Eigenschaften der Genprodukte erforderlich
wären.
Statt DNA kann auch mRNA kloniert werden, indem man mit Reverstranskriptase
eine DNA-Kopie (cDNA) der RNA synthetisiert, diese in einen Vektor einsetzt
und kloniert. Das Verfahren der Klonierung von cDNA erläutert
Abb. 2.40.
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Abb. 2.40: Synthese und Klonierung von cDNA. |
Da due Struktur der mRNA nicht unbedingt der Struktur des Gens entspricht, sind cDNA-Klone nicht notwendigerweise mit chromosomalen Klonen identisch. Durch cDNA-Klonierung können auch mRNA-Moleküle isoliert werden, die nur in geringer Kopienzahl in der Zelle vorliegen. Aus ihrer DNA-Squenz läßt sich aufgrund des genetischen Codes die Aminosäuresequenz des codierten Proteins ableiten.
Die Gentechnik geht aber weit über rein analytische Verfahren
hinaus: das isolierte Gen kann in vitro gezielt verändert (mutiert)
werden. In vivo induzierte Mutationen sind Zufallsereignisse, die der
Genetiker nicht steuern kann, sondern unter vielen Individuen selektieren muß;
in vitro können Mutationen jedoch gezielt eingeführt werden.
Die Transformationsverfahren erlauben es dann, die konstruierten Mutanten in
vivo zu prüfen.
Klonierte Gene können auch mit Hilfe sog. Expressionsvektoren,
z.B. in E. coli oder Hefezellen, exprimiert und die Genprodukte in
größerer Menge isoliert werden (z.B. Produktion von Humaninsulin).
Auch die Totalsynthese von Genen ist heute möglich.
Die Größe des Genoms eines Organismus läßt sich aus dem DNA-Gehalt einer haploiden Zelle, z.B. eines Spermiums, mit chemischen Methoden oder durch Absorptionsmessungen im UV cytophotometrisch bestimmen. Dabei zeigt sich, daß die Masse der DNA bzw. die Anzahl der Basenpaare (b) pro haploidem Genom innerhalb einer Spezies konstant ist, bei verschiedenen Organismen aber außerordentlich variiert (Tab. 2.2):
Spezies |
DNA-Gehalt |
||
[pg] |
b |
||
| Escherichia coli | Bakterium | 0,0044 | 4,2•106 |
| Saccharomyces cervisiae | Hefe | 0,024 | 2,3•107 |
| Dictyostelium discoideum | Schleimpilz | 0,056 | 5,4•107 |
| Caenorhabditis elegans | Nematode | 0,082 | 8,0•107 |
| Ciona intestinalis | Ascidie | 0,14 | 1,4•108 |
| Drosophila melanogaster | Insekt | 0,18 | 1,6•108 |
| Strongylocentrotus purpuratus | Seeigel | 0,89 | 8,6•108 |
| Gallus domesticus | Huhn | 1,2 | 1,2•109 |
| Aplysia californica | Mollusk | 1,8 | 1,7•109 |
| Mus musculus | Maus | 2,8 | 2,7•109 |
| Xenopus laevis | Frosch | 3,2 | 3,1•109 |
| Homo sapiens | Mensch | 3,4 | 3,3•109 |
| Triticum aestivum | Weizen | 18 | 1,7•1010 |
| Triturus christatus | Molch | 23 | 2,2•1010 |
| Necturus maculosus | Salamander | 52 | 5,0•1010 |
| Protopterus aethiopicus | Lungenfisch | 142 | 1,4•1011 |
Im Allgemeinen nimmt die Größe des Genoms von Viren
über Bakterien zu Eukaryoten zu. Die größten Genome findet man
bei Amphibien, Lurchen und Lungenfischen sowie bestimmten Pflanzenarten. Es
gibt aber keine Korellation zwischen Genomgröße und Organisationshöhe!
Auch kann man die Genomgröße nicht auf Polyploidie zurückführen,
wie sie bei vielen Pflanzen vorkommt. Die Genomgröße scheint der
Anzhal der Gene nicht direkt proportional zu sein. Wozu dient dann die zusätzliche
DNA bei Organismen mit großen Genomen?
Reassoziationsexperimente zeigen, daß die Genome von Viren und
Bakterien mit der für einmalig vorkommende DNA-Sequenzen charakteristischen
Kinetik zu doppelsträngigen DNA-Molekülen reassoziieren. Genome höherer
Organismen sind dagegen wesentlich komplexer und enthalten außer den nur
einmal vorliegenden auch repeptitive Sequenzen und hochrepetitive Sequenzen.
Die Methode der Genisolation erlauben es, die Struktur der Gene
im Genom direkt zu untersuchen.
Einmalige Gene:
Die Struktur eines relativ einfachen eukaryotischen Gens ist
in Abb. 2.41 schematisch skizziert (Hitzeschockprotein
hsp22 aus Drosphila). Das synthetisierte Protein besteht aus 174 Aminosäuren.
In diesem einfachen Fall enstpricht die DNA-Sequenz der mRNA- und Proteinsequenz,
d.h. DNA und Protein sind colinear.
Bei höheren Organismen sind jedoch die meisten Gene in mehrere Abschnitte
aufgespalten, also nicht colinear. Sie enthalten Introns,
eingeschobene Sequenzen, die die RNA-codierenden Regionen (Exons)
unterbrechen.
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Abb. 2.41: Genstruktur. |
In Abb. 2.42 ist z.B. das b-Globin-Gen
der Maus dargestellt. Es ist von zwei Introns unterbrochen, die im Codon
31 und zwischen den Codons 104 und 105 eingeschoben sind. Das primäre Transkript
umfaßt sowohl die drei Exons als auch die beiden Introns und enthält
dazu zwei Schutzgruppen (die 7-Methylguanosin-triphosphat-Kappe am 5'-Ende und
die PolyA-Sequenz am 3'-Ende). Anschließend werden die Introns als schleifenförmige
DNA-Moleküle (Lariate) herausgeschnitten und die Exons mtieinander
verknüpft (Vorspleißen). An den Exon/Intron-Grenzen
findet man bestimmte Consensussequenzen. Da die beiden endständigen Basen
des Introns 5' GT ... AG 3' weitgehend konstant sind, spricht man auch von der
GT-AG-Regel. Das Verspleißen muß auf die Base genau erfolgen, da
sonst das Leseraster verschoben wird. Beim Spleißvorgang sind bestimmte
Ribonucleotidpartikel (RNP, Spliceosomen) beteiligt.
Bei vielen Genen unterteilen die Introns das entsprechende Protein in funktionelle
Domänen, die dann im Verlauf der Evolution zu neuen Genen bzw. Proteinen
zusammengefügt werden können (z.B. beim Hämoglobinmolekül).
Die b-Globin-Genfamilie des Menschen
liegt auf dem Chromosom 11 und umfaßt außer den adulten Genen b
und d zwei fötale Gene Gg
und Ag sowie das
embryonale Gen e. Auch hier findet man in den Bereichen
zwischen den Genen ein Pseudogen (yb) und repetitive
Elemente. Alle Gene sind auf dem gleichen Strang in der Reihenfolge angeordnet,
in der sie während der Entwicklung exprimiert werden. Die Introns liegen
im Vergleich zu den a-Genen an homologen Stellen.
Bei den Globingenen des Huhns ist diese Anordnung jedoch verändert; die
Gene liegen hier auf verschiendenen DNA-Strängen.
Repetierte Gene: Außer den einmaligen Genen gibt es zwei Arten von repetierten Genen, die mehrfach im Genom auftreten: tandemrepetierte Gene und dispersrepetierte Gene. Die bekanntesten Beispele unter den tandemrepetierten Genen sind die ribosomalen 18s- und 28s-Gene. Sie sind meist in einigen hundert Kopien im sog. Nucleolusorganisator lokalisiert, einem mit etwa 500 solcher Transkriptionseinheiten, die zunächst in ein Vorläufermolekül transkribiert werden, das dann durch Endonucleasen in mehreren Schritten in je ein Molekül 18s, 28s und 5,8s gespalten wird (Abb. 2.43B).
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Abb. 2.43: Organisation des Genoms. |
Die reifen rRNA-Moleküle werden in die Ribosomen eingebaut,
die transkribierten Teile des Spacers hydrolisiert. Zwischen den Transkriptionseinheiten
gibt es nichttranskribierte Spacers, die in ihrer Länge variieren. Sie
enthalten starke Promotoren für RNA-Polymerase I. Auch die ribosomale 5s-Gene
sind tandemrepetiert, liegen jedoch nicht im Nucleolus. Bei Xenopus
sind sie an den Enden der meisten Chromosomen in der Nähe der Telomere
lokalisiert; bei Drosophila liegen die etwa 160 5s-Gene vereinigt in
einem Abschnitt des 2. Chromosoms.
Unter den proteincodierenden Genen sind die Histongene
tandemrepetiert.
Im Gegensatz zu den Genen, die für rRNA und Histone codieren, sind tRNA-Gene
und z.B. Actin- und Tubulingene disrepetiert.
In diesem Fall liegen einzelne Genkopien verstreut oder in kleinen Gruppen im
Genom und sind z.T. auf verschiedenen Chromosomen lokalisiert. Die genannten
Gene besetzen innerhalb des Genoms feste Plätze.
Im Gegensatz dazu nehmen Transposonen,
die ebenfalls dispers repetiert sind, keine festen Plätze im Genom ein.
Ähnlich disrepetitive Elemente wie bei Drosophila findet man beim Menschen,
z.B. die Alu-Sequenzen, die nach dem Restriktionsenzym Alu
bezeichnet werden, mit dem sie als charakteristisches Fragment aus der DNA herausgeschnitte
werden können. Das menschliche Genom enthält nicht weniger als 300.000
Alu-Sequenzen. Jedes einzelne Element ist etwa 300 b lang, so daß
die Alu-Sequenzen insgesamt etwa 3 % des menschlichen Genoms ausmachen.
Sie kommen auch im Spacer zwischen den Globingenen vor (Abb. 2.43A). Verschiedene
strukturelle Eigeschaften der Alu-Sequenzen deuten darauf hin, daß
es sich um mobile genetische Elemente handelt.
Hochrepetitive DNA-Sequenzen: Bei Eukaryoten findet man auch
hochrepetitive DNA-Sequenzen, die zunächst als Satelliten-DNA
beschrieben wurden. Fraktioniert man DNA von höheren Organsimen durch Zentrifugation
in einem CsCl-Gradienten, der die Moleküle nach ihrer Dichte auftrennt,
bilden sich häufig neben dem Hauptbestand mit einer Dichte von 1,700 g
ml-1 drei DNA-Satelliten, die insgesamt 41 % des Genoms darstellen (Tab. 2.3).
| Satellit | Dichte | DNA-Sequenz | Anzahl Kopien | % des Genoms |
| [g ml-1] | ||||
| I | 1,692 | ACAAACT | 1,1·107 | 25 |
| II | 1,688 | ATAAACT | 3,6·106 | 8 |
| III | 1,671 | ACAAATT | 2,6·106 | 8 |
Die drei DNA-Satelliten sind A-T-reich und haben deshalb eine
geringere Dichte. Sie bestehen aus einem Heptanucleotid, das millionenfach repetiert
ist. Die Sequenz der Satelliten II und III läßt sich durch eine einzige
Basensubstitution aus derjenigen des Satelliten I ableiten. Diese Sequenzen
sind in Metaphasechromosomen hauptsächlich in der Nähe der Centromere
im Heterochromatin lokalisiert, wo sie große Blöcke von tandemrepetierten
Sequenzen bilden. Bei der nahe verwandten Drosophila americana findet man nur
dan Satelliten I, während II und III fehlen. Weiter verwandten Arten fehlt
auch der Satellit I. Über die Funktion dieser hochrepetitiven Sequenzen
ist wenige bekannt. Sie scheinen nicht transkribiert zu werden und eine strukturelle
Komponente des Chromosoms darzustellen. Satelliten-DNA gibt es bei den meisten
Eukaryoten und auch beim Menschen, wo sie etwa 13 % des Genoms ausmacht.
Andere strukturelle DNA-Sequenzen liegen im Centromer und in den Telomeren.
Im Centromer dient das DNA-Molekül als Bindungsstelle für
das Kinetochor.
Auch der Telomer-DNA kommt eine wichtige Funktion zu, da freie
DNA-Enden anscheinend instabil sind.
Außer den codierenden Sequenzen – den eigentlichen Genen –
gibt es also noch weitere Komponenten im Genom: Hierzu zählen strukturelle
Komponenten des Telomers und des Centromers, zu denen möglicherweise auch
die Satelliten-DNA-Moleküle gehören. Ein überraschend hoher Anteil
des Genoms besteht aus Transposomen, virusähnlichen Elementen und parasitischer
DNA. In den Spacer-Sequenzen zwischen den Genen liegen Kontrollsequenzen für
die Genregulation und außer Pseudogenen, die sich als stammesgeschichtliche
Relikte interpretieren lassen, auch viele unbekannte Sequenzen, die zukünftiger
Forschung vorbehalten bleiben.
Die meisten Zellen eines Organismus enthalten ein vollständiges Genom. Bestimmte Gene (z.B. Hämoglobine) werden nur in bestimmten Zelltypen benötigt, während Gene, deren Produkte in allen Zelltypen nötig sind (z.B. Enzyme des Stoffwechsels) in allen Zellen aktiv sind. Die Genexpression unterliegt einer exakten räumlichen und zeitlichen Kontrolle. Bestimmte Gene können durch Umweltfaktoren oder Hormone an- und abgeschaltet werden, andere sind dagegen stets aktiv (konstitutive Genexpression). Genaktivität kann in allen Synthesestufen bis hin zum Protein reguliert werden; primäre Genregulation erfolgt jedoch auf dem Niveau der Transkription.
Die Genaktivität läßt sich indirekt aus der Menge der gebildeten Genprodukte messen (Dosisproportionalität). Das gilt als Regel für autosomale Gene. Besondere Verhältnisse findet man bei den Geschlechtschromosomen: Das heterogametische Geschlecht besitzt von zahlreichen X-chromosomalen Loci nur eine Genkopie, während das homogametische Geschlecht über je zwei Kopien verfügt. Die Unterschiede in der Gendosis werden je nach Art verschieden kompensiert. Bei Säugern kommt es im weiblichen Geschlecht während der weiblichen Embryonalentwicklung zu einer mosaikartigen, zufälligen Abschaltung je eines X-Chromosoms. Das inaktive X-Chromosom ist als kondensierter Chromatinkörper (Barr-Körperchen) während der Interphase im Zellkern zu erkennen. Triplo-X-Individuen bilden zwei Barr-Körper, besitzen also auch nur ein aktives X-Chromosom. Damit wird die Menge des gebildeten Genproduktes ausgeglichen und die Genbalance aufrechterhalten. Im Barr-Körperchen ist die DNA stark methyliert und an bestimmte Proteine gebunden. Diese Proteine halten das Chromosom in einem stark kondensierten Zustand, in dem es für die Transkriptionsmaschinerie nicht zugänglich ist. Der inaktive Zustand wird bei der Zellteilung auf die Tochterchromosomen übertragen, so daß Klone entstehen, die entweder das väterliche oder das mütterliche Gen exprimieren. Das inaktive X-Chromosom bezeichnet man als heterochromatisch, da es mit bestimmten Farbstoffen weit stärker als das aktive euchromatische X-Chromosom angefärbt wird. Inaktive Chromosomen oder Chromosomenabschnitte sind meist kondensiert und heterochromatisch, während aktive Chromosomensegmente eine aufgelockerte Struktur aufweisen und sich nur schwach anfärben. Heterochromatin unterscheidet sich von Euchromatin auch in Bezug auf den Zeitpunkt der DNA-Replikation: Heterochromatin wird in der Regel später in der S-Phase repliziert als Euchromatin. Genaktivität, Chromatinstruktur und DNA-Replikation stehen also in engem Zusammenhang.
In besonderen Fällen kann die Menge des gebildeten Genprodukts auf der Stufe der DNA über die Anzahl der Genkopien reguliert werden. Dabei wird die Anzahl der Genkopien in einem bestimten Zelltyp, in dem eine erhöhte Genaktivität erforderlich ist, durch zusätzliche Replikation eines Chromosomenabschnittes erhöht.
Die Aktivierung eines Gens kann auch auf Umlagerung von Genabschnitten innerhalb des Chromosoms beruhen. So sind die Immunglobuline in der für die Keimbahn typischen Anordnung (vgl. Abb. 4.25) inaktiv. In den Lymphocyten werden sie erst durch einen somatischen Rekombinationsprozeß aktiviert.
Die primäre Regulation der meisten Gene findet auf der
Stufe der Transkription statt. Die Anzahl der synthetisierten RNA-Moleküle
pro Zeiteinheit ist dabei ein direktes Maß für die primäre Genaktivität.
Die grundlegenden Untersuchungen zur Genregulation wurden bei Prokaryoten am
Lactose-Operon und am Lambda-Repressor durchgeführt.
Ein Operon ist eine Gruppe von
Genen, die gemeinsam reguliert und in eine einzige mRNA transkribiert werden.
Die Induktion der Genaktivität beruht auf dem Wechselspiel zwischen Umweltfaktoren
(Lactosen) und zellinternen Genregulationsmechanismen. An letzteren sind zwei
Regulatorgenen beteiligt,
die für den lac-Repressor und das Catabolit-Genaktivatorprotein
(CAP) codieren. Die Regulation der Genaktivität beruht auf der
Bindung dieser Proteine an spezifische DNA-Sequenzen im lac-Operon
(in der Nähe des Promotors), wodurch die Initiation der Transkription
verhindert wird.
Zur Erreichung der maximalen Genaktivität wird zusätzlich das CAP-Protein
benötigt, das im Gegensatz zum lac-Repressor vor dem Promotor
an die cap-DNA-Sequenz bindt und die Bindung der RNA-Polymerase an den Promotor
fördert, so daß die Transkriptionsrate erhöht wird. Die Regulation
durch CAP besteht also in einer Aktivierung, die jedoch nur dann erfolgt, wenn
cyclisches AMP, dessen Konzentration den physiologischen Zustand der Zelle widerspiegelt,
an das CAP-Protein gebunden ist.
Lac-Repressor und CAP sind DNA-Bindungsproteine,
die nach einem ähnlichen Strukturprinzip gebaut sind.
Auch bei höheren Organismen gibt es Kontroll- oder Regulatorgene, deren
Funktion darin besteht, bestimmte andere Gene zu regulieren. Ein teil dieser
Kontrollgene codiert für Transkriptionsfaktoren, die die
Transkription entweder stimulieren oder hemmen. Die Transkriptionsfaktoren binden
in ihren Zielgenen an bestimmte DNA-Sequenzen (Kontrollelemente) und
bilden Transkriptionskomplexe. Die Kontrollelemente liegen
meist in der Nähe des Promotors, doch können sie auch weit außerhalb
des Gens, in einem Intron oder in der codierenden Region des Zielgens, liegen.
Einige dieser Kontrollelemente reagieren auf bestimmte Signale wie Hormone,
Temperaturerhöhung, Schwermetalle, usw. Andere sind für die räumliche
und zeitliche Regulation der Genexpression in der Entwicklung verantwortlich.
Von besonderer Bedeutung sind die Enhancer
(Verstärkerelemente), die die Transkriptionsrate auf das
Hundertfache steigern können.
Unter den Signalsubstanzen zur Regulation der Genaktivität sind Hormone
von besonderer Bedeutung (Abb. 5.2B).
Abb. 2.46 zeigt schematisch die Vorgänge von der Ausschüttung des
Hormons bis zur Veränderung der
Genaktivität am Beispiel eines Steroidhormons.
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Abb. 2.46: Regulation der Genaktivität durch Steroide. |
Steroidrezeptoren sind Proteine, die besondere, fingerähnliche
Strukturen ("zinkbindende Finger") aufweisen. Diese "Finger"
scheinen die spezifische Bindung an bestimmte Basensequenzen in der DNA zu ermöglichen.
(s. unten).
Die Genaktivität wird nicht nur durch innere, sondern auch durch äußere
Faktoren reguliert. Ein gut untersuchtes Beispiel liefert die Genreaktion auf
einen Hitzeschock. Die geschilderte
Hitzeschockreaktion, die auch durch andere Streßfaktoren ausgelöst
werden kann, findet man bei allen bisher untersuchten Tieren – selbst
bei Warmblütern einschließlich dem Menschen. Die Promotorregionen
der Hitzeschockgene enthalten Hitzschockelemente (HSE), an
die ein Hitzeschock-Transkriptionsfaktor binden kann. Der aktivierte Transkriptionsfaktor
vermag innerhalb von weniger als 2 min nach der Temperaturerhöhung die
Hitzeschockgene anzuschalten. Ihre Aktivierung manifestiert sich in der Ausbildung
von Puffs an den entsprechenden Loci. Einige Stunden nach Rückkehr zur
normalen Temperatur klingt die Hitzeschockreaktion ab. Das Genaktivitätsmuster,
das für die betreffende Zelle charakteristisch ist, wird wiederhergestellt.
Über die Funktion der Hitzeschockreaktion ist noch wenig bekannt, doch
scheint es sich um eine Abwehrreaktion gegen Streß zu handeln.
Die Regulation der
ribosomalen 5s-RNA ist beim Krallenfrosch Xenopus besonders intensiv studiert
worden.
Die Steuerung der Genaktivität ist nicht auf das Niveau
der Transkription beschränkt. Auch die folgenden Stufen der Genexpression
können qualitativ und quantitativ reguliert werden. Da viele Gene aus mehreren
Exons bestehen, können vom gleichen Gen durch unterschiedliches Verspleißen
verschiedene mRNA-Moleküle oder Proteine abgelesen werden, die verschiedene
Kombinationen von Exons enthalten. Alternatives Verspleißen
findet man bei vielen Genen, wie z.B. bei den Myosingenen oder den Genen, die
die Geschlechtsbestimmung kontrollieren.
Außer der Menge der gebildeten mRNA ist auch ihre Halbwertszeit wichtig,
da von kurzlebiger mRNA nur wenige Proteine übersetzt werden. Die Stabilität
der mRNA wird primär durch ihre Struktur bestimmt. Kurzlebige Messenger
besitzen in ihrem Nachspann RNA-Sequenzen, die zu rascherem Abbau führen.
Auch auf der Stufe der Translation kann die Genexpression reguliert werden.
In vielen Tiergruppen wird stabile mRNA in Form von Ribonucleoproteinpartikeln
im EI gepsiechert. Erst nach der Befruchtung wird diese mRNA freigesetzt, an
Ribosomen gebunden und in Protein übersetzt. Bei der Trnaslation werden
häufig inaktive Vorstufen synthetisiert (z.B. Proenzyme, Prohormone), die
erst durch Proteolyse in aktive Enzyme bzw. Hormone umgesetzt werden müssen.
Proteine können auch durch Modifikation (z.B. Phosphorylierung)
aktiviert oder inaktiviert werden. Selbst auf der Stufe der niedermolekularen
Genprodukte gibt es Rückkoppelungsmechanismen: Das Substrat
eines Enzyms kann die Aktivität des Gens, das für das betreffende
Enzym codiert, induzieren. Andererseits kann das entsprechende Produkt bei hoher
Konzentratione die Aktivität des Enzyms hemmen. Die Expression der Gene
kann also auf allen Stufen reguliert werden.
Ein genbedingtes Merkmal (Phän) hängt nicht nur von der direkten Wirkung eines einzelnen Gens ab, sondern auch von inneren und äußeren Bedingungen. Unter den inneren Bedingungen sind vor allem der physiologische Zustand des Organismus, das Geschlecht und die Wechselwirkungen mit anderen Genen von Bedeutung. Von den äußeren Bedingungen wären Umweltfaktoren wie Temperatur, Nährstoffe, Sauerstoff aber auch das soziale Umfeld zu nennen.
Die Häufigkeit, mit der sich eine bestimmte Mutation unter
den Trägern manifestiert, ist die Penetranz (Manifestationshäufigkeit).
Eine rezessive Letalmutation kann z.B. bei allen homozygoten Trägern zum
Tod vor der Geschelchtsreife führen (Penetranz: 100 %). Es kann aber auch
einzelne Überlebende ("Durchbrenner") unter den Homozygoten geben;
bei einer Penetranz von 90-95 % spricht man von Semiletalität,
bei einer Sterblichkeit von weniger als 50 % von subvitalen Mutationen.
Auch der Grad der Ausprägung einer Mutation (Expressivität;
Manifestationsstärke) kann variieren.
Die meisten Gene bestimmen nicht nur ein einzelnes Merkmal,
sondern eine Vielzahl von Phänen (Pleiotropie). Die pleiotrope
Wirkung eines Gens kann darauf beruhen, daß das Gen für mehrere Primärprodukte
codiert, die z.B. durch alternatives Verspleißen des Transkripts entstehen
und verschiedene Funktionen ausüben. Ein Gen. das an der Synthese eines
Coenzyms beteiligt ist, kann auch die Aktivität mehrere Enzyme beeinflussen,
die dieses Coenzym benötigt – ein scheinbarer Widerspruch zur "One-gene-one-enzyme"-Hypothese
ist. In den meisten Fällen beruht Pleiotropie
jedoch auf Sekundäreffekten.
Andererseits kann ein Phän von vielen Genen bestimmt sein (Polygenie).
Das gilt vor allem für komplexe Phäne (z.B. Körpergröße,
gewisse psychische Merkmale), bei denen natürlich auch Umweltfaktoren modifizierend
eingreifen.
Die in der DNA gespeicherte genetische Information bestimmt
die Rahmenbedingungen, die sog. Raktionsnorm, die noch verschiedene
Realisationsmöglichkeiten offenläßt. Der freie Spielraum, innerhalb
dessen sich Umweltfaktoren auswirken können, läßt sich bei genetisch
identischen Individuen ungefähr abschätzen.
In andern Fällen ist der Einfluß von Umweltfaktoren erstaunlich groß:
Je nach Ernährung kann aus einem Bienenei eine Königin oder eine Arbeiterin
entstehen. Temperatur und Tageslänge können das äußere
Erscheinungsbild einer Art drastisch verändern, z.B. die Fellfarbe des
Hermelins (Mustela erminea); oder das Landkärtchen (Arschnia levana), ein
Schmetterling, dessen Frühjahrs- und Sommergeneration sich von der Färbung
her so sehr unterscheiden, daß sie von Linné für zwei verschiedene
Arten gehalten wurden.
Gene wirken nicht isoliert als einzelne Fakroren, sondern steuern
Entwicklungsvorgänge und Stoffwechsel durch mannigfaltige Wechselwirkungen
(z.B. Augenfarbe
bei Drosophila).
Bestimmte Mutationen können auch die Wirkung anderer Mutationen, die an
der gleichen Stoffwechselkette beteiligt sind, unterdrücken (Epistase).
Geschlechtsbegrenzte Mutationen wirken sich
entweder nur im weiblichen oder nur im männlichen Geschlecht aus. Sie betreffen
Gene, deren Expression direkt oder indirekt durch das Geschlecht beeinflußt
wird. Die geschlechtsbegrenzte Vererbung muß klar von der geschlechtsgekoppelten
Vererbung unterschieden werden. Der Begriff geschlechtsgekoppelt besagt nur,
daß das betreffende Gen auf den Geschlechtschromosomen lokalisiert ist
(z.B. bei der Rot-Grün-Blindheit
beim Menschen).
Im Gegensatz dazu können geschlechtsbegrenzte
Mutationen auf irgendeinem Chromosom liegen.
Besondere Einflüsse des mütterlichen Genotyps auf
den Phänotyp der Nachkommen werden als Maternaleffekte
bezeichnet. Sie ergeben sich aus der Tatsache, daß Spermium und Ei zwar
je ein haploides Genom zur Nachkommenschaft beisteuern, daß aber der größte
Teil des Cytoplasmas vom Ei, also von der Mutter beigesteuert wird. Während
der Oogenese ist das Ei diploid. Die Meiose wird erst in der reifen Oocyte abgeschlossen,
wenn das Cytoplasma bereits aufgebaut ist. Für die weitere Entwicklung
ist es daher wesentlich, ob ein mutantes Ei von einer heterozygoten oder eine
homozygoten Mutter produziert wird; denn nur im ersten Fall trägt ein normales
Wildtyp-Allel zur Oogenese bei.
Bei einem strikten
Maternaleffekt ist nur der Genotyp der Mutter von Bedeutung. Solche Maternaleffektmutanten
zeigen, daß auch der Aufbau des für die Entwicklung des Embryos bedeutungsvolle
Eicytoplasmas durch Gene gesteuert wird. In gewissen Fällen vermag das
vom Spermium beigesteuerte väterliche Wildtyp-Allel den maternalen Defekt
teilweise zu korrigieren. Da die mütterlichen Genprodukte, die im Ei eingelagert
sind, nicht replizieren können, sind Maternaleffekte in der Regel auf eine
Generation beschränkt. Das unterscheidet sie von der rein mütterlichen
Vererbung cytoplasmatischer Komponenten (z.B. Mitochondrien), die autonom replizieren
können. Analoge Paternaleffekte wurden beim Nematoden
Caenorrhabditis nachgewiesen, bei dem das Spermium außer dem Zellkern
auch eine substantielle Menge von Cytoplasma zur Zygote beisteuert.
Im Gegensatz zur Vererbung von Genen des Zellkerns erfolgt
die cytoplasmatische
Vererbung nicht nach den Mendelschen Regeln. Cytoplasmatische Vererbung
oder extrachromosomale Vererbung wurde zuerst von Correns bei Pflanzen gefunden;
doch dauerte es Jahrzehnte, bis das entsprechende Gen eindeutig den Chloroplasten
zugeordnet und gezeigt werden konnte, daß diese Organellen ihr eigenes
Genom in Form von DNA enthalten. Auch Mitochondrien besitzen ihr eigenes Genom.
Beim Menschen zeigen die Mitochondrien mütterliche
Vererbung. Diese kann anhand der mitochondrialen DNA (mtDNA) gezeigt
werden. Mütterliche Vererbung erstreckt sich über beliebig viele Generationen,
da die genetische Information fortlaufend repliziert wird. Maternaleffekte dagegen
sind auf eine oder zwei Nachkommensgenerationen beschränkt, weil der cytoplasmatische
Faktor aufgebraucht wird.
Eine Vererbung erworbener Eigenschaften konnte bisher nicht nachgewiesen werden,
doch gibt es gewisse Grenzfälle, in denen sich ein erworbenes Merkmal als
sog. Dauermodifikation
über zahlreiche Generationen erhalten kann.
Die Methoden der Genetik können nicht nur auf die Keimbahn, sondern auch auf somatische Zellen angewendet werde. Sie liefern dann wichtige Aufschlüsse über Wachstum und Differenzierung somatischer Zellen.
Eine wichtige Ursache für die Entstehung von Krebstumoren sind somatische Mutationen. Bei einer bestimmten Form von Leukämie findet man in den betroffenen weißen Blutzellen regelmäßig eine Translokation, das sog. Philadelphia-Chromosom. Die Translokation führt dazu, daß ein Oncogen aktiviert oder falsch reguliert wird. Seine Aktivierung kann in einer Zelle, in der es normalerweise inaktiviert ist, dazu führen, daß die Zelle unkontrolliert und kontinuierlich weiterwächst. Die Hyperaktivierung des Oncogens kann auch auf einer somatischen Punktmutation beruhen. Auch die Insertion eines Retrovirus in die Nähe des zellulären Oncogens kann zur Aktivierung des Oncogens führen, da Retroviren häufig Enhancer enthalten. Schließlich können Oncogene ins Genom eines Retrovirus eingebaut und zu übertragbaren viralen Oncogenen werden. Nach der Infektion einer anderen Klasse von Oncogenen führt Inaktivierung des Oncogens durch somatische Mutation zur Krebsentstehung. Allgemein gilt, daß die Tumorentstehung einen mehrstufigen Prozeß darstellt, an dem verschiedene Faktoren beteiligt sind.
Somatische
Rekombinationsvorgänge laufen in den Lymphocyten bei der Bildung der
Antikörper und der T-Zell-Rezeptoren ab und ermöglichen die Erzeugung
einer großen Vielfalt verschiedener Rezeptoren für Antigene.
Mitotische und meiotische Rekombination beruhen auf verschiedenen Mechanismen.
Das geht u.a. daraus hervor, daß meitotisches Crossover bei Drosophila
nur im €, mitotische Rekombination aber in beiden
Geschlechtern stattfindet. Die Frequenz der mitotischen Rekombination ist im
centromernahen Heterochromatin am höchsten. Analog zur meiotischen Rekombination
kann sie als Maß für den Abstand zweier Gene gelten. Wie die Kartierung
verschiedener Markierungsgene zeigt, ist die Genreihenfolge z.B. in den Epidermiszellen
die gleiche wie in der Keimbahn und in den Riesenchromosomen der Speicheldrüse.
Daraus können wir schließen, daß in diesen somatischen Zellen
keine größeren Umstrukturierungen des Genoms erfolgen.
Das Immunsystem bei Wirbeltieren beruht grundsätzlich auf einem Erkennungsmechanismus von "selbst" und "nicht selbst" und einer Abwehrreaktion gegen Substanzen und Organismen, die als fremd erkannt werden. Diese Erkennung beruht auf Rezeptoren, die auf entsprechende Signale (Antigene) reagieren. Alle körperfremden Stoffe können als Antigene wirken. Der Erkennungsmeachnismus beruht auf der Bindung der Antigenmoleküle an Rezeptoren (Antikörper). Dieser Bindung liegt die komplementäre Struktur von Antigen und Antikörper zugrunde, die wie Schöüssel und Schloß zueinander passen. Die Mannigfaltigkeit der Rezeptoren, die Millionen von Antigenen erkennen, ist genetisch bedingt. Sie beruht aber nur zum Teil auf der Variabilität der Gene in der Keimbahn. Das große Repertoire der Rezeptoren wird durch somatische Rekombination und Mutation in den Immunzellen (Lymphocyten, Abb. 4.25) erzeugt.
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Abb. 4.25: Schema der Hämatopoiese (Bildung
der verschiedenen Blutzellen). |
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B-LC = B-Lymphocyt |
MP = Makrophage |
Zur Markierung körpereigener Zellen dienen
hauptsächlich Proteine des Histonkompatibilitätskomplexes
(MHC). Diese Proteine werden von einer großen Familie engegekoppelter
Gene codiert, die bei allen Wirbeltieren vorkommen und in ihrer DNA-Sequenz
individuell außerordentlich stark variieren. Beim MHC wird die Vielfalt
bereits in der Keimbahn erzeugt. Von jedem dieser Gene gibt es zahlreiche Varianten
(Allele), so daß kaum zwei Individuen der gleichen Art identisch sind.
Nur eineiige Zwillinge oder Tiere, die zum gleichen Inzuchtstamm gehören,
sind gleich. Die MHC-Gene codieren für Membranproteine, die auf der Oberfläche
der meisten Zellen und Gewebe vorkommen und die Gewebeverträglichkeit (Histonkompatibilität)
bei Gewebetransplantationen bestimmen. Gewebe eines fremden MHC-Genotyps werden
vom Immunsystem als "nicht selbst" erkannt und abgestoßen, während
Transplantate gleicher genetischer Konstitution mit dem Empfänger verträglich
sind und verheilen können.
Zur Erkennung körperfremder Antigene erzeugen die Zellen des Immunsystems
Rezeptoren, deren Vielfalt hauptsächlich auf somatischer Rekombination
und Mutation beruht. Die Rezeptoren können in zwei Typen eingeteilt werden,
die von verschiedenen Lymphocyten gebildet werden:
Der Rekombinationsmechanismus für Immunoglobuline ist in Abb. 2.50 für die leichte Immunoglobulinkette (Kappa) der Maus schematisch dargestellt.
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Abb. 2.50: Somatische Rekombination der Immunoglobulingene
der Maus. |
Auch bei der schweren Kette kommt die Vielfalt durch somatische
Rekombination zustande. Die Anzahl möglicher Aminosäuresequenzen wird
zusätzlich durch somatische Mutationen erhöht. Die
Gesamtzahl möglicher Antikörper liegt schätzungsweise bei ca.
1011. In dieser Vielfalt liegt jedoch die Erklärung
dafür, daß eine Maus Antikörper gegen Antigene produzieren kann,
die es bisher in der Natur noch gar nicht gegeben hat und die erst heute von
Chemikern synthetisiert werden.
Unter den Immunoglobinen (Ig) gibt es verschiedene Klassen,
die nacheinander im Verlauf einer Immunreaktion
auftreten (membrangebundenes IgM, sezernierte IgM, IgG, IgE, IgA). Alle diese
Klassen unterscheiden sich bei identischer variabler Region in ihrer konstanten
Region C. Die DNA-Segemente, die für die verschiedenen konstanten Regionen
codieren, liegen nebeneinander auf dem Chromosom. Der Klassenwechsel (Switch)
von einer Ig-Klasse zur nächsten beruht ebenfalls auf einem somatischen
Rekombinationvorgang auf DNA-Niveau (vgl. Abb. 2.51 für IgM zu IgG).
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Abb. 2.51: Somatische Rekombination der Immunoglobulingene
und Immuniglobulin-Klassenwechsel bei der Maus (vereinfacht). |
Der Übergang von membrangebundenen zu löslichen Formen
beruht jedoch nicht auf Rakombination, sondern erfolgt auf dem RNA-Niveau durch
differentielle Polyadenylisierung und Verspleißung der RNA. Das transkript
der membrangebundenen Form weist zwei zusätzliche Exons auf und codiert
für ein längeres Protein als das Transkript der löslichen Form.
Der T-Zell-Rezeptor
für Antigene weist zwar eine immunoglobulinähnliche Struktur auf,
bleibt aber im Gegensatz zum B-Zell-Rezeptor stets membrangebunden. T-Zellen
sind v.a. für die zellvermittelte Immunität verantwortlich,
während B-Zellen durch die Sekretion der Antikörper ins Bluserum eine
humorale Immunität aufbauen. Die somatische Rekombination ist
hier unpräzise, weshalb eine zusätzliche Variabilität der Regionen,
die das Antigen binden, eintritt und die Vielzahl der T-Zell-Rezeptoren derjenigen
der Immunglobuline gleicht.
Die Klonale Selektionstheorie (Ehrlich, Jerne, Burnett) besagt,
daß von den Stammzellen laufend neue B-Lymphocyten produziert werden,
die auf ihrer Oberfläche Immunoglobuline tragen, die potentiell als Rezeptor
für Antigene dienen können. Jede Zelle exprimiert nur einen bestimmten
Rezeptor mit einer bestimmten Bindungsspezifität. Aus der großen
Vielfalt der Rezeptoren binden zufällig nur einige wenige ein bestimmtes
Antigen. Durch die Bindung des Antigens wird diejenige Zelle, die den entsprechenden
Rezeptor trägt, aktiviert. Das hat zur Folge, daß sich die betreffende
Zelle zu vermehren beginnt und eine Zellfamilie (Klon) bildet, deren Zellen
alle den gleichen Rezeptor auf ihrer Oberfläche tragen. Das Antigen selektioniert
also einen Klon von B-Lymphocyten, die eine Abwehrreaktion aufbauen können.
Bei den meisten Immunreaktionen werden gleichzeitig mehrere Klone aktiviert,
so daß die meisten Antiseren polyklonal sind und daher verschiedene
Immunoglobuline enthalten. Bei gewissen Formen von Krebs (Plasmocytome)
vermehren sich einzelne B-Zellen-Klone kontinuierlich, so daß sie überhand
nehmen. In Zellkultur produzieren sie monoklonale
Antikörper mit nur einer Sorte Immunoglobuline. Diese können in
vitro gezüchtet werden und haben in der modernen Biologie als spezifische
Sonden eine enorme Bedeutung erlangt.
Aus Primärkulturen, deren Zellen direkt aus dem Tier explantiert werden, können durch fortlaufendes Weiterzüchten und Klonierung permanente Zellinien etabliert werden, die kontinuierlich wachsen. Solche Zellen zeigen aber nicht mehr denselben Phänotyp wie die ursprünglichen Zellen, häufig findet man auch Chromosomenabberationen. Dennoch sind sie für somatische Zellgenetik geeignet. In solche Zellinien lassen sich Resistenzmutationen induzieren, die zur Selektion von Hybridzellen dienen können. Zur Fusion werden zwei Zellinien verwendet, die verschiedene, einander komplementierende Mutationen aufweisen. Nach entsprechender Behandlung und Fusion entsteht ein Heterokaryon (ein zwei- oder mehrkerniges Gebilde); in einem Teil davon verschmelzen bei der nächsten Mitose die Kerne und es entsteht eine Hybridzelle. Nach der Fusion werden durch geeignete Wahl des Nährmediums die Hybridzellen selektioniert. Hybridzellen z.B. zwischen Mensch und Maus erlauben es, durch entsprechende Selektionierung bestimmte menschliche Gene bestimmten Chromosomen zuzuordnen. So ist es gelungen, die menschliche Genkarte weiter zu vervollständigen.
Somatische Zellen können durch die Zugabe reiner DNA genetisch transformiert werden. Die verschiedenen Gentransfermethoden eröffnen wie die Verwendung von Retrovirusvektoren bei schweren Erbkrankheiten die Möglichkeit einer Gentherapie an somatischen Zellen.