Lebewesen haben die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren und damit fortzupflanzen. Fortpflanzung ist ein zyklischer Prozeß, in dessen Verlauf die Genetische Inforation an die folgenden Generationen weitergegeben wird. Bei Einzellern (Protisten) ist die asexuelle Fortpflanzung die normale Art der Vermehrung. Die Zelle teilt sich in zwei gleiche Tochterzellen (Abb. 3.1, Abb. 12.3), wobei sie als Individuum aufhört zu existieren.
Die beiden entstehenden Nachkommen sind genetisch identische
Klone. Außer der Zweiteilung kommt v.a. bei parasitischen
Protozoen (Trypanosomen, Sporozoen) die Vielteilung
vor, bei der sich der Kern mehrach teilt und bestimmte cytoplasmatische Organellen
mehrfach repliziert werden. Doch schon bei Protisten (z.B. Chlamydomonas) gibt
es sexuelle Fortpflanzung. Diese wird meist durch sich ändernde
Umweltbedingungen ausgelöst.
Ungeschlechtliche Fortpflanzung gibt es auch bei Mehrzellern (Metazoen,
aber eher die Ausnahme) und ist hier polycytogen: das neue Individuum
stammt von mehreren Zellen ab. Bei primitiven Metazoa ist sie oft ein Regenerationsvorgang
(z.B. bei Süßwasserpolypen (Hydra), Strudelwürmern
(Planaria)), ähnlich wie bei Pflanzen (vegetative Fortpflanzung).
Andererseits gibt es Kospenbildung (z.B. bei Hydrozoen, Korallenpolypen); bei
Korallen bleibt das Tier aber meist mit dem Muttertier verbunden (Bildung eines
Tierstocks). Manche Plattwürmer (z.B. Stenostomum) können
sich durch Querteilung fortpflanzen.
Auch Fortpflanzung durch vielzellige Dauerstadien findet man bei Tieren, z.B.
bei Süßwasserschwämmen, die lange Trockenperioden als Gemmulae
überstehen. Bei höheren Tieren ist die Fähigkeit zur ungeschlechtlichen
Fortpflanzung weitgehend verlorengegangen, da die somatischen Zellen nicht mehr
totipotent sind.
Sexualität beruht auf dem Auftreten verschiedener Geschlechter und führt zum Austausch von genetischem Material zwischen Individuen zweier Geschlechter. Bei Bakterien wird während der Konjugation genetisches Material ausgetauscht, ohne daß es zur Vermehrung kommt: Sexualität und Vermehrung sind also nicht gekoppelt. Abb. 3.2 zeigt den Vorgang der Konjugation für Paramecium aurelia (mit einem Macronucleus und zwi Micronuclei).
Das Ergebnis der Konjugation ist der gegenseitige Austausch
von genetischem Material, bei dem sich zwei Genome in den Tochterzellen vereinigen.
Sie erfolgt
nur bei Individuen verschiedenen Paarungstyps. Die Paarungstypen
entsprechen bis zu einem gewissen Grad den beiden Geschlechtern höherer
Metazoen. Bei Paramecium aurelia finden wir nur zwei Paarungstypen,
bei anderen Paramecienarten 4, 8 oder mehr, die alle Konjugation des gleichen
Klons verhindern;
damit sind
die Exkonjugaten immer heterozygot. Deshalb führt Konjugation zu genetischer
Rekombination. Die erhöhte genetische Variabilität erhöht die
Überlebenschancen der Genträger in einer sich verändernden Umwelt.
Paramecium kann aber auch Autogamie durchlaufen,
bei der die genetische Variabilität verringert wird. Infolge
der "Polyploidie" ist Paramecium gegen Mutationen "gepuffert".
Bei der geschlechtlichen (sexuellen) Fortpflanzung werden Gameten beiderlei
Geschlechts, Eier und Spermien, gebildet, die sich
gegenseitig befruchten (miteinander fusionieren). Der Fusion der beiden
Zellen (Cytokinese) folgt die Vereinigung der beiden haploiden Kerne
(Karyogamie), so daß eine diploide Zygote entsteht. Sexuelle
Fortpflanzung gibt es bereits bei ursprünglichen Einzellern (z.B. Chlamydomonas,
Abb. 3.3).
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Abb. 3.3: Geschlechtliche und ungeschlechtliche
Fortpflanzung beim Flagellaten Chlamydomonas
reinhardi. Mi Mitose |
Unter günstigen Umwelt bedingungen vermehrt sich Chlamydomonas zwar ungeschelchtlich durch Zweiteilung, sobald aber der Stickstoffvorrat des Nährmediums erschöpft ist, kommt es zur sexuellen Fortpflanzung. Bei Metazoen findet man meist diesen Tyo der geschlechtlichen Fortpflanzung durch Befruchtung. Die Eizellen sind infolge der Einlagerung von Reservestoffen (Dotter) größer als die aufgrund einer Flagelle beweglichen Spermien. Das Spermium ist eine hpchspezialisierte Zelle, die auf die Übertragung der DNA bei der Befruchtung spezialisiert ist (was in gewissem Sinne an Bakteriophagen und andere Viren erinnert).
Parthenogenese ist eine reduzierte Form der sexuellen
Fortpflanzung, bei der sich der Embryo aus einem unbefruchteten Ei entwickelt.
Da keine Befruchtung stattfindet wird auch kein genetisches Material ausgetauscht.
Die Eizelle kann entweder die Meiose noch durchlaufen und die Chromosomenzahl
durch Kernfusion oder Endomitose aufregulieren, oder die Meiose unterbleibt.
Das Ei wird entweder bei Ablage aktiviert oder es entwickelt sich ohne besonderen
Stimulus. Beim Schmetterling Solenobia
gibt es außer bisexuellen auch rein parthenognetische Rassen, bei denen
in der Oogenese noch eine normale Meiose abläuft. Bei der Parthenogenese
entstehen in der Regel genetisch identische Nachkommen. Außerdem ist Parthenogenese
häufig mit Polyploidie gekoppelt, so daß sich parthenogenetische
Arten kaum wesentlich genetisch verändern: weder durch Rekombination noch
durch Mutation. So findet man bei Solenobia außer diploiden auch tetraploid-parthenogenetische
Rassen.
Bei vielen bisexuellen Arten kann Parthenogenese auch experimentell induziert
werden (z.B. bei einer Mutante von Drosophila).
Ein Wechsel der Kernphasen zwischen Haploidie
und Diploidie findet sich bei den meisten Eukaryoten. Bei Haplonten
wie Chlamydomonas beschränkt sich die Diplophase auf das Zygotenstadium.
Im Gegensatz dazu sind höhere Metazoen in der Regel Diplonten, bei denen
die Haplophase auf die Gameten beschränkt ist. Die Tendenz zur Diploidie
zeigt sich bereits bei Protozoen wie Paramecium, das einen diploiden
Micronucleus und einen "polyploiden" Macronucleus besitzt.
Wenn sich aufeinanderfolgende Generationen in unterschiedlicher Weise fortpflanzen,
sprich man von einem Generationswechsel. Dabei pflanzt sich
eine Generation sexuell durch Gameten, die darauffolgende asexuell fort. Bleibt
die Kernphase in beiden Generationen dieselbe, spricht man von homophasischem
Generationswechsel. Der Generationswechsel von z.B. Chlamydomonas
ist haplohomophasisch. Dabei wechseln mehrere asexuelle Generationen mit einer
sexuellen Generation ab. Ein heterophasischer Generationswechsel, bei dem eine
haploide sexuelle Generation mit einer diploiden asexuellen abwechselt, wurde
bei Foraminiferen nachgewiesen, ist jedoch im Tierreich i. Ggs. zum Pflanzenreich
eher selten.
Auch bei Metazoen
können sich aufeinanderfolgende Generationen in Bezug auf den Fortpflanzungsmodus
unterscheiden.
Schon bei den einzelligen Ciliaten zeigt sich eine Trennung
der vegetativen und generativen Funktionen. Die erste Differenzierung beim Übergang
vom Einzeller zum Vielzeller betrifft die Trennung von generativen und vegetativen
Funktionen. Der Übergang vom Ein- zum Vielzeller ist im Verlauf der Evolution
mehrfach erfolgt; unter den rezenten Lebewesen finden sich noch verschiedene
Übergangsformen. Grundsätzlich lassen sich zwei Entstehungsmechanismen
der Vielzelligkeit unterscheiden: die Aggregation vieler isolierter Einzelzellen
zu einem geordneten Zellverband und die Bildung eines vielzelligen Organismus
durch mehrfache Teilung einer Einzelzelle.
Aggregation findet man beim Schleimpilz Dictyostelium
(vgl. Abb. 12.1, 12.2). Bei Flagellaten und den mit ihnen nahe verwandten Kugelalgen
(Volvocales) entsteht der vielzellige Organismus durch Teilung
aus einer Einzelzelle, wobei die Tochterzellen in einer Gallerthülle beieinanderbleiben
und eine Zellkolonie oder
einen echten vielzelligen Organismus
bilden. Am deutlichsten ausgeprägt ist die Differenzierung von Keimbahn
und Soma bei der Kugelalge Volvox, die aus etwa 10.000 Zellen besteht,
die innerhalb der Gallertkugel über Cytoplasmafortsätze in Verbindung
stehen. Die große Mehrzahl der Zellen
ist somatisch, die wenigen generativen Zellen (Keimbahnzellen) sind in der hinteren
Hälfte lokalisiert.
Die Trennung der generativen und vegetativen Zellen ist bei höheren Metazoen
vollständig, bei niederen Tieren und bei den meisten Pflanzen dagegen noch
reversibel. So kann aus einer einzelnen somatischen Pflanzenzelle eine fertile
Pflanze regeneriert werden, die Keimzellen bildet und sich sowohl sexuell als
auch asexuell fortzupflanzen vermag. Die Trennung von Keimbahn und Soma ist
nur der erste Schritt einer evolutiven Entwicklung, die bei höheren Organismen
zu einer zunehmenden strukturellen und funktionellen Spezialisierung verschiedenartiger
Zelltypen (Zelldifferenzierung) führt.
Die räumliche und zeitliche Verteilung der Geschlechter
variiert bei verschiedenen Tiergruppen zwischen Getrenntgeschlechtlichkeit und
verschiedenen Formen von Zwittrigkeit (Hermaphroditismus).
Individuen getrenntgeschlechtlicher Arten sind entweder männlich oder weiblich
und behalten ihr Geschlecht zeitlebens bei. Bei Zwittern kommen neben Simultanzwittern
(gleichzeitig männlich und weiblich) auch Konsekutivzwitter vor –
zuerst männlich, dann weiblich (= Proterandrie, z.B. bei Bandwürmern)
oder zuerst weiblich, dann männlich (= Proterogynie).
Außer den genannten funktionellen Verteilungen der Geschlechter gibt es
auch abnorme Geschlechterverteilungen vor, wie Gynandromorphismus
und Intersexualität,
die auf Entwicklungsstörungen oder Mutationen beruhen und meist zu Sterilität
führen.
Die Geschlechtsbestimmung ist ein Problem der Genregulation,
da die meisten Organismen in beiden Geschlechtern über ein vollständiges
Genom verfügen, das die Information für die Ausbildung beiderlei Geschlechts
enthält (s.a. Hermaphroditen,
phänotypische Geschlechtsbestimmung durch Umweltfaktoren). Aber auch bei
manchen getrenntgesclechtlichen Arten gibt es umweltbedingte Geschlechtsumkehr.
Schließlich können einzelne Genmutatonen zur Geschlechtsumkehr führen.
Bei genotypischer Geschlechtsbestimmung beruht die geschlechtliche Differenzierung
auf der Segregation eines oder mehrerer geschlechtsbestimmender
Gene.
Bei den meisten höheren Tieren lassne sich die beiden Geschlechter aufgrund
ihres Karyotyps unterscheiden, da sie ein Paar von Heterochromosomen besitzen,
die sich morphologisch unterscheiden lassen und als Geschlechtschromosomen
der Bestimmung des Geschlechts dienen. Das eine Geschlecht besitzt zwei gleiche
Geschlechtschromosomen (XX), während das andere ein ungleiches Paar (XY)
enthält.
Bei der Mehrzahl der Organismen ist das weibliche Geschlecht XX und produziert
deshalb nur eine Klasse von Gameten (homogametisch), während das
Männchen XY (heterogametisch) ist. Das Männchen bildet somit
zwei unterschiedliche Arten von Spermien, die außer einem Autosomensatz
entweder ein X- oder Y-Chromosom enthalten. Bei einigen Tierarten (manchen Vögeln,
Amphibien und Schmetterlingen) ist jedoch das männliche Geschlecht heterogametisch
und das weibliche homogametisch, hier oft als ZZ und ZW bezeichnet. Untersuchungen
deuten darauf hin, daß die Geschlechtschromosomen im Lauf der Evolution
aus Autosomen hervorgegangen sind, das den Geschlechtsbestimmungslocus enthielt.
Tabelle 3.1 faßt die Beziehungen zwischen chromosomaler Konstitution und
Geschlechtsbestimmung für vier genetisch gut untersuchte Arten zusammen.
Bei Säugern
enthält das Y-Chromosom die männlich bestimmenden Gene.
chromosomale
Konstitution |
Geschlecht |
|||
Mensch |
Maus |
Drosophila |
Caenorhabditis |
|
XX |
€ |
€ |
€ |
€ Hermaphrodit |
XY |
|
|
|
- |
XXY |
Klinefelter |
steril |
€ |
- |
X0 |
Turner |
€ |
|
|
Bei Maus und Mensch entwickelt sich in Anwesenheit eines Y-Chromosoms
stets ein Männchen oder ein männlicher Intersex (Klinefelter-Syndrom),
während in Abwesenheit des Y-Chromosoms ein Weibchen bzw. Turner-Syndrom
entsteht. Außer den männlich bestimmenden Gene trägt das Y-Chromosom
noch Gene, die für die Spermatogenese benötigt werden. Zudem kontrolliert
das Y-Chromosom die Expression männlich spezifischer Antigene, die mit
immunologischen Methoden nachgewiesen werden können: T-Lymphocyten erkennen
eine solche Substanz (H-Y-Transplantationsantigen), die auf der Oberfläche
von männlichen Zellen zu finden ist, bei weiblichen jedoch fehlt. Das H-Y-Antigen
ist weder bei Mensch noch Maus für die Determination der Gonaden zum Hoden
unerläßlich.
Bei Dorophila
gibt es keine Sexualhormone, jede Zelle determiniert sich automnom. Beim Nematoden
Caenorhabditis elegans liegt ein XX/X0-Mechanismus
vor.
Bei der phänotypischen Geschlechtsbestimmung sind primär
Umweltfaktoren für die Determination verantwortlich. Die Umweltfaktoren
wirken jedoch auch über Kontrollgene, die die Entwicklung
in männlicher oder weiblicher Richtung lenken.
Neben relativ unspezifischen Umweltfaktoren sind vor allem Hormone
an der Geschlechtsdetermination beteiligt. Auch bei Wirbeltieren mit genotypischer
Geschlechtsbestimmung spielen Hormone bei der Geschlechtsdetermination eine
wichtige Rolle. Im Extremfall kann durch Hormonbehandlung eine vollständige
Geschlechtsumkehrung induziert werden. Mit einer Östrogenbehandlung können
männliche XY-Embryonen des Medakafisches Oryzias latipes in fertile Weibchen
umgewandelt werden. Die Rückkreuzung solcher Neoweibchen mit normalen Männchen
ergibt sowohl XX-Weibchen als auch Männchen mit XY- und YY-Konstitution,
die fertil sind.
DIe Hauptfunktion der männlichen Samenzelle (Spermium) besteht in der Überragung des haploiden Genoms bei der Befruchtung der Eizelle. Dazu muß das Spermium beweglich sein, Rezeptoren zur Erkennung der weiblichen Gameten der gleichen Art besitzen, durch die Eihülle eindringen und den Fusionsprozeß der beiden Plasmamembranen induzieren können. Die Spermienenetwicklung schließt deshalb die Meiose und komplizierte morphogenetische Prozesse ein:
Der Spermienbau ist bei vielen Organismen recht einheitlich. Den Grundtypus findet man bei vielen marinen Organismen mit äußerer Befruchtung, da das Meer dem ursprünglichen Lebensraum entspricht; Abb. 3.5 zeigt die Struktur eines Seeigelspermium schematisch.
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||
Abb. 3.5: Aufbau eines Spermiums und Akrosomreaktion beim Seeigel (Paracendrotus lividus) |
||
1 Längsschnitt Af Akrosomfilament |
Bi Bindin |
Nu Nucleus |
Der haploide Zellkern enthält die DNA in äußerst kompakter,
parakristalliner Form. Anstelle der somatischen Histone enthält diese DNA
spezielle Histone, die nur in der Spermatogenese exprimiert werden,
oder andere basische Proteine (Protamine). Beim Akrosom, das
über dem Kern liegt, handelt es sich um ein lysosomenähnliches Organell,
mit dem das Spermium die Gallerthülle des Eies auflöst, sich an die
Eioberfläche bindet und dann mit dessen Plasmamembran fusioniert. Das bläschenförmige
Akrosom entsteht bei der Spermiogenese aus dem Golgi-Apparat. Es enthält
verschiedene Enzyme: u.a. eine trypsinähnliche Protease (bei Säugetieren
als Acrosin bezeichnet), Glykosidasen, Phosphatasen und Phospholipasen, die
bei der Auflösung der Eihülle und der Membranfusion eine Rolle spielen.
Bei Seeigeln enthält das Acrosom ein kohelnhydratbindendes Protein (ein
Lectin, das Bindin), das das Spermium an die Vitellinschicht der Eioberfläche
bindet.
Das Mittelstück des Spermiums enthält die beiden Centriolen, die mit
dem Kern ins Ei eindringen und als Organisationszentren für die Spindel
in der sich entwickelnden Zygote dienen. Das ringförmige Mitochondrium
und die Flagelle (Feinbau S. 438) bilden den Bewegungsapparat des Spermiums.
Durch Oxidation von Fettsäuren wird ATP zur Bewegung der Flagelle hergestellt.
Der Energietransport vom Mitochrondrium zur Flagelle erfolgt über Kreationphosphat.
V.a. bei Tieren mit innerer Befruchtung ist die Beweglichkeit der Spermien nicht
mehr von ausschlaggebender Bedeutung. Bei manchen Termiten findet man z.T. unbewegliche
Spermien ohne Flagellen. Auch die Spermien der Nematoden sind geißellos
und bewegen sich amöboid fort.
Das Ei steuert außer dem haploiden Genom fast das gesamte Cytoplasma zur Embryonalentwicklung bei. Die Bildung von Eizellen (Oogenese) ist eine wichtige Entwicklungsphase mit erhöhter Genaktivität und starkem Wachstum, das auf der Synthese von Makromolekülen und der Bildung von Zellorganellen, sowie der Einlagerung von Reservestoffen (Dotter) beruht. Der Dotter wird im Verlauf der Embryogenese abgebaut und zur Neusynthese von Makromolekülen verwendet, bis der Organismus zur Nahrungsaufnahme befähigt ist. Bei verschiedenen Tieren läuft die Oogenese recht unterschiedlich ab:
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Abb. 3.8: Befruchtungszeitpunkt verschiedener Tierarten – Kb Keimbläschen, M I, M II meiotische Teilungen, Pk Polkörper |
Der innerste der vier haploiden Zellkerne, die aus der Meiose hervorgehen, wird zum Eikern, die drei anderen bleiben als Polkerne (= Richtungskerne) im peripheren Cytoplasma liegen und nehmen an der weiteren Entwicklung nicht teil.
Die direkte Beobachtung der Befruchtung gelang erst im 19.
Jahrhundert (Hertwig, 1875) am Seeigel.
Beim Auftreffen des Spermiums auf die Gallerthülle des Eies erfolgt innerhalb
weniger Sekunden die Akrosomreaktion (Abb. 3.5) ausgelöst.
Für die Auslösung dieser Reaktion schein ein hochmolekulares Glycoprotein
(FSG) der Gallerthülle verantwortlich zu sein, das Fucose enthält,
die mit Sulfat verestert ist. Die Akrosomreaktion führt zu einer Depolarisation
der Spermienmembran von ca. -150 mV auf +30 mV. Dabei wird die intrazelluläre
Ca2+-Konzentration erhöht und die Exocytose
des Acrosombläschen ausgelöst. Dessen Membran fusioniert mit der Plasmamembran
und entläßt seinen Inhalt nach außen. Auf die Exocytose folgt
in der subacrosomalen Region die Polymerisation von G-Actin zu Actinfilamenten.
Bei Seeigeln bildet das Bindin auf dem Acrosomfilament eine leimartige Schicht,
mit der sich das Spermium an die Eioberfläche bindet. Diese Reaktion kann
durch bestimmte Kohlenhydrate gehemmt werden. Der artspezifische Erkennungsmechanismus
zwischen Spermium und Ei beruht also auf einer Protein-Kohlenhydrat-Wechselwirkung.
Die Spermarezeptoren auf der Eioberfläche, in der Vitellinschicht, an die
sich das Spermium zuerst heftet, sind bei Seeigeln noch nicht isoliert worden.
Das Auftreffen des Spermiums auf der Eioberfläche führt zur Fusion
der Plasmamembranen des Akrosomfilamentes und des Eies, und damit ist die Fusion
der beiden Zellen eingeleitet.
Durch das Eindringen des Spermiums ins Ei wird dieses aktiviert.
Die Fusion der beiden Gameten beginnt mit der Fusion der Plasmamembranen
von Ei und Spermium. Die Spermienmembran bleibt als kompaktes Oberflächenareal
bis weit in die Embryogenese hinein erhalten. Offenbar ist die laterale Diffusion
der Membran weit eingeschränkt. Kern, Centriole, Mitochondrium und Schwanz
des Spermiums dringen ins Ei ein. Sobald der Spermakern ins Ei eingedrungen
ist, rotiert er um 180°
und wandert mit den Ventriolen voran gegen das Zentrum des Eies. Die Centriolen
induzieren die Bildung eines Asters.
Der Eikern bewegt sich ebenfalls auf die Eimitte zu. Während sich der Spermakern
gegen die Mitte des Eies bewegt, wird er zum männlichen Vorkern
umgeformt. Die Kernmembran löst sich auf, das Chromatin dekondensiert und
die Kernproteine werden durch diejenigen des Eies ersetzt (große Bedeutung
für die Genaktivierung). Danach bildet sich eine neue Kernhülle, diese
fusioniert mit dem weiblichen Vorkern. Durch die Kernfusion wird der diploide
Zustand wiederhergestellt, mütter- und väterliches Genom werden wiederhergestellt.
Die erste Mitose wird durch die Verdoppelung der Centriolen eingeleitet. Je
zwei Centriolen verlagern sich zu gegenüberliegenden Polen des fusionierten
Zygotenkerns und bilden einen Diaster (Abb. 3.7), dessen lange Mikrotubuli wahrscheinlich
in der Plasmamembran verankert sind. Nach der Auflösung der Kernmembran
bildet sich zwischen den beiden Astern die Teilungsspindel. Die Chromosomen
ordnen sich senkrecht zur Spindel an und werden auf die beiden Tochterkerne
verteilt. Das Ei bildet normalerweise keine Centriolen aus, vermag diese jedoch
nach parthenogenetischer Aktivierung zu regenerieren.
Bei Säugern
erfolgen die Befruchtungsvorgänge ähnlich.
Die Eizelle ist totipotent. Die befruchtete Eizelle
besitzt ein vollständiges Genom aus einem väterlichen und einem mütterlichen
Chromosomensatz. Die Eizelle ist als Keimzelle spezialisiert und enthält
in ihrem Cytoplasma Dotter u.a. Reservestoffe für die zukünftige Embryonalentwicklung.
Diese werden z.T. von somatischen Zellen gebildet. Bei den meisten Eizellen
ist die Kern/Plasma-Relation zugunsten des Plasmas verschoben.
Je nach Organismus ist die Architektur des Eicytoplasmas verschieden stark differenziert.
Bei den meisten Tieren weisen die Eier eine anomal-vegetative Polarität
auf. Im unbefruchteten Ei liegt der Kern meist in der Nähe des animalen
Pols, während der Dotter u.a. cytoplasmatische Bestandteile mit höherer
Dichte am vegetativen Pol angereichert sind. Die Achse entspricht bei Amphibien
und vielen Invertebraten der anterior-posterioren Achse des Embryos,
bei anderen Tiergruppen (z.B. Fischen) der dorsoventralen Achse. Bei
Seeigeln und Mollusken besteht eine Korrelation zwischen der
Lage der Eizelle im Ovar und der Eipolarität: Die Verbindungsstelle zwischen
Oocyte und Ovarepithel wird zum vegetativen Pol. Bei den Oocyten der Säugetiere
scheint es keine Beziehung zu geben.
Bei Insekten und Tintenfischen können bereits im unbefruchteten
Ei die drei Körperachsen (antero-posterior, dorsal-ventral, links-rechts)
festgelegt sein.
Unmittelbar nach der Befruchtung (im ersten Zellzyklus) kommt es bei den Eiern
verschiedener Tiergruppen zu Umlagerungen von Bestandteilen
des Eicytoplasmas, die zur Festlegung
der Körperachsen führen.
Die Furchung führt von einem einzelligen zu einem vielzelligen Organismus. Dabei wird das große Eicytoplasma durch eine rasche Folge von Mitosen in kleine Furchungszellen (Blastomeren) unterteilt (Abb. 3.10).
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Abb. 3.10: Furchung des Amphibienkeims. Bildung eines kontraktilen Rings (Ri) von Actinfilamenten unter der Plasmamembran. ‚ 2-Zellenstadium. ƒ 4-Zellenstadium. „ 8-Zellenstadium; die Zellen der vegetativen Keimhälfte sind größer als die der animalen Hälfte (inäquale Teilung). … 4. Furchung; die animalen Zellen sind bereits geteilt, bevor die größeren, dotterreichen Zellen am vegetativen Pol vollständig durchgeschnürt sind. † Morulastadium. ‡ Blastulastadium ˆ Sagittalschnitt durch Blastula – Bc Blastocoel, R Randzone zwischen künftigem Ekto- und Entoderm, die bei der Gastrulation eingestülpt wird, an, veg animale und vegetative Keimhälfte. |
Dabei steigt die Kern/Plasm-Relation an, das Kernvolumen nimmt
im Verhältnis zum Volumen des Cytoplasmas zu, bis der für somatische
Zellen typische Wert
erreicht ist. Das Furchungsmuster wird einerseits durch die Menge des gespeicherten
Dotters geprägt, andererseits durch diejenigen Faktoren, die die Orientierung
der Teilungsspindel beeinflussen. Organismen mit ähnlichem Bauplan können
daher ganz verschiedene Furchungsmuster haben; die grundlegenden Steuerungsprozesse
sind aber ähnlich.
Die Menge des im Ei gespiecherten Dotters hängt vom Entwicklungsmodus der
betreffenden Art ab. Bildet sie Larven, die früh selbst Nahrung aufnehmen,
so sind die Eier relativ dotterarm (z.B. einige einheime Frösche). Bei
bestimmten tropische Fröschen ohne Kaulquappenstadium sind die Eier sehr
dotterreich. Eine Sonderstellung hat der Säugerembryo (Versorgung durch
die Plazenta, daher kein Dottervorrat). Eierlegende Säugetiere haben dagegen
noch dotterreiche Eier. Eier mit wenig Dotter furchen holoblastisch,
Eier mit wenig Dotter meroblastisch.
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Abb. 3.9: Umlagerungen des Eicytoplasmas nach der
Befruchtung. A Bildung des grauen Halbmondes beim Frosch (Rana).
unbefruchtetes Ei. ‚ Befruchtung (Schnitt). ƒ befruchtetes Ei. „ Bildung
des grauen Halbmonds. |
Nach der Furchung folgen bei allen Metyzoen die Gastrulationsvorgänge, bei denen die Zellen durch Gestaltbewegungen ganzer Zellverbände oder durch Wanderung von Einzelzellen an die Orte verbracht werden, an denen später die entsprechenden Organe entstehen. Während der Gastrulation wird im wesentlichen die Grundorganisation des Embryos aufgebaut. Bei der Verlagerung ganzer Zellschichten haften die Zellen stak aneinander und ändern ihre relative Position zueinander nicht; bei der Einzelzellwanderung bewegen sich die Zellen unabhängig voneinander.
Im Verlauf der Gastrulation wird die Grundorganisation des
Embryos festgelegt. Im einfachsten Fall besteht der Embryo aus zwei Keimblättern:
dem äußeren Ektoderm (liefert die primäre Körperbedeckung)
und dem inneren Entoderm (bildet den Urdarm). Die Stelle, an
der sich der Urdarm nach innen stülpt, ist der Urmund (Blastoporus).
Bilateria können in zwei Hauptgruppen (Protostomier, Deuterostomier)
unterteilt werden. Bei den Protostomiern wird der Urmund zum
späteren Mund; der After geht aus einer sekundären Einstülpung
des Ektoderms hervor, die zum hinteren Urdarm durchbricht. Bei Deuterostomiern
wird der Urmund zum späteren After und der Mund wird aus einer gegenüberliegenden
Ektodermtasche neu gebildet. Auch das Zentralnervensystem wird bei Protostomiern
ventral, bei Deuterostomiern dorsal des Darmes angelegt.
Bei der Bildung des mittleren Keimblattes (Mesoderm) gibt es große Vieltfalt.
Als Beispiel für den Aufbau eines Wirbeltierembryos ist in Abb. 3.16 die
Grundorganisation und der Anlageplan eines Amphibienkeimes dargestellt.
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Abb. 3.16: Anlageplan und Grundorganisation des Amphibienkeims (Triturus). |
Er gibt das Entwicklungsschicksal der Zellen an, wenn sie sich normal in situ weiterentwickeln. Der in Abb. 3.16A,B wiedergegebene Anlageplan entspricht einem frühen Gastrulationsstadium und sagt nichts über den Determinationszustand der Zellen aus. Das zukünftige Ektoderm liegt am animalen, das Entoderm am vegetativen Pol, das Mesoderm zwischen beiden. Im Verlauf der Gastrulation werden Meso- und Entoderm ins Innere verlagert, und der Embryo wird dreischichtig (Abb. 3.16C). Die verschiedenen Organe können den drei Keimschichten wie folgt zugeordnet werden:
Eine strikte Zuordnung ist aber nicht immer möglich (z.B. bilden die Neuralleisten außer ektodermalen Zelltypen auch Knochen und Knorpel des Visceralskeletts, der übrige Schädel entsteht aus dem Mesoderm). Auch die Keimzellen lassen sich keinem der Keimblätter zuordnen. Bei Amphibien entstehen die Urkeimzellen entweder im Entoderm (Anuren) oder im Mesoderm (Urodelen) und wandern sekundär ins somatische Gonadenmesoderm ein.
Nach der Grundorganisation des Embryos werden die verschiedenen Organsysteme ausgebildet. Im Folgenden wird v.a. auf die Beschreibung der frühen Organentwicklung bei Vertebraten (v.a. Amphibien) eingegangen.
Im zuerst homogenen Ektoderm der frühen
Gastrula wird durch Wirkung des Urdarmdaches die Bildung der Neuralplatte
induziert, die sich während der Neurulation einfaltet
und schließlich zum Neuralrohr schließt; dieses löst
sich von der Epidermis. Das Einrollen ist ein morphogenetischer Prozeß,
der auf Zellwanderung in der Längsachse und Formveränderung einzelner
Zellen beruht. Im Gegensatz zum flachen Hautektoderm sind die Zellen der Neuralplatte
hochzylindrisch. Das Cytoskelett (v.a. die in Längsrichtung angeordneten
Mikrotubuli) verleiht den Zellen ihre charakteristische Form.
An den Rändern der Neuralplatte werden die Neuralleisten ausgesondert,
die beim Verschluß des Neuralrohrs als einzelne Zellen auswandern (Abb.
3.15I-O). Die Neuralleisten liefern bei Molchen außer Pigmentzellen die
Mesenchymleisten des Flossensaumes, Spinalganglien und Ganglien des vegetativen
Nervensystems, Schwannsche Scheidenzellen (Umhüllung der Nervenfasern),
Hirnhäute, Nebennierenmark, Knorpel des Visceralskeletts und Dentinkeime
der Zähne (Abb. 3.17C).
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Abb. 3.17: Neuralleistenentwicklung beim Molch. |
Während der Gastrulation wandert das Mesoderm als zusammenhängender Mantel zwischen Ektoderm und Entoderm ins Innere des Amphibienkeims. Die Chordaanlage verändert ihre Form: Aus dem breit ausgedehnten sichelförmigen Chordabereich an der oberen Urmundlippe (Abb. 3.15D) strömen die Zellen konvergierend auf den Urmund zu, von wo sie dann als länglicher Strang in die Mediane des Urdarmdaches vorstoßen. Im Verlauf der Organogenese löst sich die Chordaanlage vom seitlich angrenzenden Material der Ursegmente (Somiten) und bildet einen Stab in der Längsachse des Keimes. Die dorsalen, die Chorda beidseitig begleitenden Mesodermstreifen gliedern sich – von cranial nach caudal fortschreitend – in die Somiten, die sich ihrerseits gegen die weiter ventral liegenden flachen Seitenplatten abgrenzen. Die Somiten differenzieren sich in drei verschiedene Anlagen: Sklerotom, Myotom und Dermatom (vgl. Abb. 12.81). Die Sklerotome bilden ein Mesenchym, das die Chorda umgibt und die Wirbelsäule bildet. Die Myotome differenzieren sich zur Stammuskulatur. Die einzelnen Muskelvorläuferzellen (Myoblasten) fusionieren dabei zu vielkernigen Syncytien, die als Muskelfasern mit ihren Myofibrillen (Abb. 8.1) der Kontraktion dienen. Auf der peripheren Seite löst sich das Dermatom, das die Zellen für das Unterhautgewebe liefert, von den Somiten ab.
Das Entoderm entwickelt sich zum Verdauungstrakt. Auswüchse des Darms differenzieren sich im vorderen Abschnitt zur Schilddrüse und Lunge (Lungenepithel), im mittleren Bereich zu Leber und Pankreas. DIe ursprünglichen Verbindungen der beiden letztgenannten Organe zum Darm werden zum Gallen- und Pankreasgang. In der Mundregion nimmt das vorstoßende Entoderm des Kopfdarmes direkten Kontakt mit der ektodermalen Mundbucht (Stomodaeum) auf. Daraus entsteht als Ausstülpung die Rathkesche-Tasche, die später den Vorderlappen der Hypophyse bildet. Ekto- und Entoderm stoßen an der gemeinsamen Pharyngealmembran zusammen (löst sich später), die später den Pharynx eröffnet.
Die embryonalen Anhangsorgane können Ernährung, Gasaustausch, Exkretion oder Keimschutz dienen und bilden sich bei Übergang zum freien Leben zurück. Bei Wirbeltieren mit dotterreichen Eiern und Diskoidalfurchung (Fische, Reptilien, Vögel) bildet sich ein Dottersack, der mit dem Darm verbunden ist und der Ernährung dient (Abb. 3.18).
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Abb. 3.18: Embryonale Anhangsorgane der Wirbeltiere. |
Bei den sekundär dotterarmen Säugerembryonen ist
der Dottersack ein phylogenetisches Relikt. Lediglich bei Amphibien (dotterarme
Eier, holoblastische Furchung) wird der gesamte Dottervorrat direkt in die Furchungszellen
eingelagert und durch intrazelluläre Enzyme verdaut. Bei Fischen, Reptilien
und Vögeln wird zunächst nur der Rückenteil des Embryos des Embryos
mit den Achsenorganen (Neuralroh, Chorda, Ursegmente) über der ungefurchten
Dottermasse angelegt. Die ventralen Teile der Keimblätter sind flach über
dem Dotter ausgebreitet (Abb. 3.18A) und umwachsen allmählich die Dottermasse
und stellen so einen geschlossenen Dottersack aus mehreren Schichten her: Ektoderm,
somatisches und splanchnisches (viscerales) Blatt des Mesoderms und Entoderms.
Dazwischen liegt die Körperhöhle (Coelom). Der Körper
des Embryos hebt sich vom Dottersack durch eine Faltung ab (Abb. 3.18D), bei
Reptilien und Vögeln kommen aber Amnion, Serosa
und Allantois dazu. Die Ränder der Amnionfalte wölben sich
über dem Emvryo zusammen und verwachsen miteinander, dadurch ist der Embryo
von zwei durch embryonales Coelom getrennte Hüllen umgeben. Die innere
ist das Amnion, die äußere die Serosa (Abb. 3.18E). Amnionhöhle
und Coelom sind flüssigkeitsgefüllt. Die Allantois
(embryonaler Harnsack) entwickelt sich als blasenförmige Ausstülpung
des Enddarms in der extraembryonalen Leibeshöhle.
Bei den viviparen Säugetieren wird die Serosa zu einem
embryonalen Ernährungsorgan. Bei den Beuteltieren sondert die Uteruswand
die Uterusmilch ab, die vom Embryo durch die Serosa durch die Serosa aufgesaugt
wird. Bei den Placentaliern entwickelt sie sich phylogenetisch zum Chorion weiter.
Dieses geht aus dem Trophoblasten der der Blastocyste (Abb. 3.14) hervor und
bildet zottenförmige Ausstülpungen, die in die Uteruswand eindringen
(Abb. 3.18F). Die Allantois legt sich mit ihrer Außenwand dem Chorion
an; die den Allantoisstiel begleitenden Blutgefäße breiten sich am
Chorion aus und dringen in die Choriozotten ein: Die Placenta entsteht. Außer
dem Chorion kann auch der Dottersack mit der Uteruswand eine Placenta bilden
(z.B. bei Nagetieren, Insektenfressern).
Bei vielen Tieren gibt es Jugendstadien, die sich als Larven
in Organisation und Lebensweise von den Adulten unterscheiden. Typisch für
viele Larven ist die rasche Entwicklung aus kleinen Eiern, wobei sie frei beweglich
leben und zur Nahrungsaufnahme fähig sind. Der Zusammenhang zwischen Eigröße
(Dottervorrat) und Larvalentwicklung wird besonders deutlich beim Seeigel Heliocidaris:
H. tuberculata (Eidurchmesser 95 µm) bildet eine Pluteuslarve; H. erythrogramma
(Durchmesser 425 µm) entwickelt sich direkt zum Seeigel. Dabei hat der
Seeigel als Larve Bilateralsymmetrie, als Adultus aber eine Pentamerie und damit
eine extreme Metamorphose. Bei vielen Tieren dienen die Larvenstadien der Ausbreitung
– wichtig v.a. bei sessilen Tieren (Korallen, Ascidien), wenig beweglichen
Adulti (Echinodermen, Muscheln) und Endoparasiten (z.B. Leberegel, Bandwürmer);
zu finden sind sie v.a. im Plankton.
Metamorphose:
Die Gesamtheit der Vorgänge, die von der Larvenorganisation zur Adultform
führen. Die Larve übernimmt häufig die Ernährungs- und Wachstumsfunktion,
während der Adultus der Fortpflanzung dient. Im Extremfall hat die Adultform
nur noch verkümmerte Mundwerkzeuge (z.B. bei Seidenspinnerarten). In der
Metamorphose werden spezielle larvale Strukturen (z.B. Cilienorgane, Filtrierapparate,
Verdauungseinrichtungen) zurückgebildet und durch Adultorgane ersetzt (z.B.
Kopulations-, Brutpflegeorgane). Gleichzeitig ändern sich die Verhaltensweisen.
Bei Insekten existieren drei unterschiedliche Arten von Metamorphose:
Die Metamorphose
der Insekten wird durch Hormone gesteuert. Als wichtigste Hormone
sind Ecdysteron (Steroid) und Juvenilhormon (Isoprenderivat)
beteiligt.
Unter den holometabolen Insekten gehen die sozialen Insekten (Termiten, Bienen,
Ameisen) noch weiter und bilden neben verschiedenen Larven und Adultformen sog.
Kasten (Abb. 9.19) mit völlig unterschiedlicher Erscheinungsform.
Bei der Metamorphose der Amphibien findet ein Übergang vom Wasser-
zum Landleben statt. Die Larve ist ihren fischartigen Vorfahren wesentlich ähnlicher
als die Adultform. Bei der Metamorphose einer Kaulquappe werden die die für
den adulten Frosch typischen Organe (Lunge, Gliedmaßen) neu gebildet (bzw.
umgewandelt) und larvale Organe rückgebildet. Dabei werden die adulten
Organe vor dem Verschwinden der larvalen angelegt, damit die Funktion erhalten
bleibt.
Wenn sich Entwicklungsprozesse zeitlich gegeneinander verschieben, spricht man
von Heterochronie. Sie beruht oft auf Mutationen in Genen,
die die Entwicklung zeitlich aufeinander abstimmen. Eine Verzögerung der
somatischen Entwicklung relativ zur Gonadenentwicklung kann zum Ausfall der
Metamorphose und zu Neotenie führen. Umgekehrt kann eine beschleunigte
Entwicklung der Gonaden eine verfrühte Fortpflanzungsfähigkeit im
Larvenstadium zur Folge haben (Pädogenese).
Bei der Entwicklung der Metazoen können zwei extreme Entwicklungstypen unterschieden werden: Tiere mit konstantem (invariantem) Zellstammbaum und solche mit variablem Zellstammbaum.
Im Verlauf der Embryonalentwicklung entsteht aus einer totipotenten
Eizelle ein vielzelliger Organismus, dessen Zellen sich zunehmend voneinander
unterscheiden (Differenzierung). Die Zellen unterscheiden sich
sowohl in ihrer Struktur als auch in ihrer Funktion, die sie im Verlauf der
Entwicklung übernehmen. Die Differenzierung erfolgt stufenweise. Im ersten
Schritt (Determination)
wird das Entwicklungsschicksal einer Zelle oder Zellgruppe festgelegt. So entstehen
z.B. die Erythrocyten durch schrittweise Determination, die über pluripotente
Stammzellen, die noch ganz verschiedene Typen von Blutzellen hervorbringen können,
zu determinierten Stammzellen führt, die programmiert sind, Erythrocyten
zu produzieren.
Bei Pflanzen sind Determination und Differenzierung meist viel weniger stabil,
so daß aus einzelnen somatischen Zellen wieder vollständige fertile
Pflanzen regenerieren können, die Blüten und Samen bilden. Dagegen
ist bei höheren Tieren die Spezialisierung der somatischen Zellen wesentlich
größer. Totipotenz bleibt auf die Eizelle und allenfalls die frühen
Furchugnsstadien beschränkt.
Ascidienkeime (konstanter Zellstammbaum) mit bilateralsymmetrischer
Furchung erzeugen aus den beiden Blastomeren eine halbseitige Larve, wenn man
sie trennt. Die Entwicklungspotenz der beiden Blastomeren entspricht also der
prospektiven Bedeutung der Zellen, der Entwicklungsmodus ist eine Mosaikentwicklung.
Die halbseitigen Larven haben tatsächlich nur die halbe Zahl von Muskel-
und Chordazellen aufweisen. Bei der Ausbildung von Sinnesorganen, Auge und Statocyste
zeigt sich aber eine gewisse Regulationsfähigkeit: Statocyste und Auge
entstehen in der Normalentwicklung aus je einer von zwei bilateralsymmettisch
angeordneten äquivalenten Vorläuferzellen, deren Entwicklungsschicksal
noch nicht bestimmt ist. Die eine Zelle bildet das Auge, die andere die Statocyste
ortsgemäß.
Bei Echinodermen zeigt sich die Totipotenz der Blastomeren und ihre embryonale
Regulationsfähigkeit. Dennoch ist das Ei kein äquipotentielles
System: Die erste Furchung muß nämlich ungefähr in der Medianebene
erfolgen, so daß bei der Schnürung der Zellen ein genügend großer
Anteil des grauen Halbmonds zugeteilt wird; nur dann entsteht ein Zwillingspaar.
Wird einer Blastomere kein Halbmondmaterial zugeteilt, entsteht aus ihr nur
ein "Bauchstück" ohne dorsale Achsenorgane (Neuralrohr, Chroda,
Somiten); normale Gastrulation findet nicht statt (Abb. 3.21C).
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Abb. 3.21: Ergebnisse von Schnürungsversuchen an Molchkeimen. |
Schnürt man Blastomeren nur unvollständig, so entstehen
"siamesische Zwillinge" (vgl. Abb. 3.21B).
Auch bei Säugern kann aus einer halben Blastomere ein ganzes normales Tier
(z.B. ein Kaninchen). Bei der Maus entsteht sogar aus nur einem Achtel der ursprünglichen
Blastomere (Morulastadium) ein ganzes Normaltier. Solche Furchungszellen sind
somit totipotent.
Es gibt außerdem auch noch eine Regulation zum vergrößerten
Ganzen, was sich an tetraparentalen
Mäusen zeigen läßt. Der Säugetierembryo
verfügt
über eine außerordentliche Regulationsfähigkeit. Untersuchungen
der Embryonalhüllen lassen darauf schließen, daß auch beim Menschen
eineiige Zwillinge durch Trennung der Blastomeren oder der inneren Zellmasse
der Blastocyste auftreten.
Ist Differenzierung auf irreversible strukturelle Veränderungen
der Zellkerne zurückzuführen? An Amphibien wurde
diese Fragestellung mittels Kerntransplantation untersucht. Der Versuch zeigt,
daß die Furchungskerne bei Amphibien totipotent sind. Auch Kerne aus späteren
Entwicklungsstadien (bis zum Larvenstadium) sind totipotent und weisen somit
ein vollständiges Genom auf. Das wird auch durch neue molekularbiologische
Untersuchungen bestätigt.
Die genetische Information ist grundsätzlich in allen Zellen dieselbe, aber im
Verlauf der Differenzierung wird in den verschiedenen Zellen nur ein Teil der
Information abgerufen. Allerdings nimmt die Erfolgsrate bei der Kerntransplantation
mit steigendem Alter ab. Das deutet auf eine funktionelle Differenzierung der
Kerne hin, die mindestens teilweise reversibel ist.
Hinweise auf eine reversible Differenzierung der Zellkerne gibt es auch
bei Maus. Diploide parthenogenetische Mausembryonen sind lethal, da
sowohl ein mütterliches als auch ein väterliches Genom für die
Normalentwicklung
benötigt wird. Das deutet darauf hin, daß Ei- und Spermakern unterschiedlich
geprägt (differenziert) sind. Die elterliche Prägung ("parental
imprinting")
beruht wahrscheinlich auf differentieller Metyhlierung der Nucleotidbasen in
verschiedenen Chromosomenabschnitten. Die Methylierung der DNA ist ein reversibler
Vorgang, der meist von der Inaktivierung des betreffenden Gens begleitet ist
Da die Furchungskerne äquivalent und totipotent sind, muß die primäre Ursache für die Zelldifferenzierung entweder im Cytoplasma liegen oder auf späteren Wechselbeziehungen zwischen den Zellen beruhen. In Eiern mit hochentwickelter Eiarchitektur lassen sich cytoplasmatische Determinanten nachweisen, die das Entwicklungsschicksal der Zellen bestimmen, denen sie im Verlauf der Furchung zugeteilt werden.
Bei verschiedenen Tiergruppen gibt es einen morphogenetischen Gradienten (Konzentrationsgefälle) der cytoplasmatischen Determinanten:
Organisation und Differenzierung des Amphibienkeimes beruht auf induktiven Wechselwirkungen während der Gastrulation, was durch klassische Versuche (Spemann, Mangold, 1924) gezeigt werden kann. Die Determination erfolgt im Laufe der Gastrulation (s. Abb. 3.24B). Infolge der Determination erlangen die entsprechenden Zellen und Blasteme (embryonale Gewebe) die Fähigkeit zur Selbstdifferenzierung, wenn sie transplantiert oder in Gewebekultur weitergezüchtet werden.
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Abb. 3.24: Transplantation von präsumptivem Neuroektoderm aus dem Gehirnbereich ins Hautektoderm vor und nach der Gastrulation beim Molch (Triturus). |
Abb. 3.25 zeigt Determinationsvorgänge, die während der Gastrulation ablaufen (Transplantationsexperimente von Spemann und Mangold). Dabei ist die Randzone, die über dem Urmund liegt und später zum Urdarmdach wird, von besonderer Bedeutung. Entweder kann dieser Keimbezirk in die künftige Bauchepidermis eingesetzt werden (Abb. 3.25B), wo er im Lauf der Gastrulation mit dem ventralen Ektoderm in Kontaktkommt. Das Transplantat gliedert sich autonom entsprechend seiner prospektiven Bedeutung in Chorda und übriges Mesoderm. Außerdem übt es auf die angrenzenden Teile des Wirtskeims eine Wirkung aus (Induktion). Das darüberliegende Wirtsektoderm differenziert sich nicht zu Baucepidermis, sondern bildet eine sekundäre Neuralplatte.
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Abb. 3.25: Organisatortransplantation beim Molch (Triturus). |
Die an das Transplantat angrenzenden mesodermalen Bereiche
des Wirts werden zu Ursegementen und Seitenplatten. Im darunterliegenden Ektoderm
kann eine sekundäre Urdarmhöhle entstehen (Abb. 3.25D).
Das Transplantat aus der Randzone organisiert also durch Induktion und Selbstgliederung
eine sekundäre Embryoanlage (Abb. 3.25C), die symmetrisch um
eine neu festgelegte Körperachse angeordnet ist. In den sekundären
Embryo können
große Teile des Wirtskeimes einbezogen werden. Die dorsale Randzone wird
deshalb als Organisator bezeichnet (Spemann).
Die induktive Wechselwirkung zwischen der Randzone, dem späteren Urdarmdach,
und dem darüberliegenden Ektoderm ist auch in der Normalentwicklung wichtig.
Die Randzone, die als Organisationszentrum dient, entsteht im Bereich des grauen
Halbmondes, der durch Umlagerung des Eicytoplasmas gebildet wird
(Abb. 3.9A).
Der Bildung des Organisators geht schon ein früherer Induktionsvorgang
voraus (Mesoderminduktion). Infolge einer Wechselwirkung zwischen
Ento- und Ektoderm im Blastulastadium entwickeln sich aus dem Ektoderm mesodermale
Strukturen (z.B. Blutzellen, Muskulatur). Bringt man in einem Sandwichversuch
Dach und Boden einer Blastula zusammen, so induzieren die Entodermzellen die
Bildung von mesodermalen Strukturen im darüberliegenden Entodermzellen die
Bildung von mesodermalen Strukturen im darüberliegenden Ektoderm des Daches,
das normalerweise nur Haut gebildet hätte. Die Mesoderminduktion läßt sich
z.B. anhand von muskelspezifischer Actin-mRNA nachweisen.
Die Wirkung der Induktoren ist meist nicht artspezifisch.
So kann z.B. das Urdarmdach eines Frosches (Rana) oder einer Unke
(Bombina) in einem Molchkeim (Triturus) ebenso als Induktor
wirken wie im artgleichen Embryo. Die Reaktionsnorm des Wirts ist dagegen artspezifisch.
Ein Molch reagiert z.B. mit der Bildung eines Molchnervensystems auf den artfremden
Induktor.
Der harmonische Aufbau des Embryos wird durch die Hierarchie der Induktoren gesteuert.
Adhäsion zwischen Zellen hat im Verlauf
der Evolution zu vielzelligen Organismen geführt. Im einfachsten Fall scheiden
die Zellen Gallerte aus, die
die Zellkolonie zusammenhält; aber selbst bei Volvox sind die
Zellen durch Plasmodesmen untereinander verbunden. Mit zunehmender
Organisationshöhe werden Zellverbände, Gewebe und Organe gebildet, die durch
spezifischer Zelladhäsion zusammengehalten werden.
In der Morphogenese spielen drei Typen der Zelladhäsion eine wichtige Rolle:
An Zell-Zell-Adhäsionen beteiligte Moleküle sind Zelladhäsionsmoleküle (CAM), deren Nachweis z.B. mit Antikörpern erfolgt. Die Bindung der Antikörper hemmt die Zelladhäsion oder dissoziiert den Zellverband. Beispiele für CAM-Substanzen:
Wechselwirkungen zwischen Substrat und Zelle können bei Neuralleistenzellen, die auf der extrazellulären Matrix der benachbarten Zellen an ihren Bestimmungsort wandern, gezeigt werden (Abb. 3.26C).
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Abb. 3.26: Zelladhäsion und Zellwanderung. |
Die Neuralleistenzellen verfügen über einen Membranrezeptor, der an die Zellbindungsdomäne
von Fibronectin bindet und die selektive Adhäsion ermöglicht. Antikörper gegen
die Zellbindungsdomäne oder Oligopeptide, die der Domäne entsprechen, hemmen
die Zelladhäsion und damit die Auswanderung der Nerualleistenzellen.
Während der Morphogenese des Nervensystems sind Wechselwirkungen
mit dem Substrat, gerichtete Zellwanderung, Zelladhäsion und spezifische Zellerkennungsmechanismen
von besonderer Bedeutung. Nevenzellen senden Axone aus, die über große Distanzen
ihre Zielzelle finden müssen. An der Spitze des Axons sitzt eine spezielle
Struktur (Wachstmskonus, Abb. 3.26D). Axone wandern bevorzugt auf bestimmten
Substraten oder auf der Oberfläche von Gliazellen, wobei bestimmte Zellen als
Wegweiser dienen. Für sensorische Nervenzellen ist Chemotaxis als Wegfindungsmechanismus
nachgewiesen (Abb. 3.26D)
Im Verlauf der Organogenese können die Embryonen außerordentlich komplexe und präzise Muster bilden, die darauf beruhen, daß die einzelnen Zellen Information über ihre Position im Embryo besitzen. Ein Beispiel für Musterbildung ist die Entwicklung der Extremitäten bei Wirbeltieren, z.B. Vogelflügel oder menschliche Hand. Dazu wird ein dreidimensionales Koordinatensystem benötigt, das die Positionsinformationen enthält. Noch vor Sichtbarwerden der Extremitätenknospe im Hühnerembryo wird ein embryonales Feld ausgesondert, das der Extremitätenanlage entspricht. Anfänglich ist das Extremitätenfeld ein äquipotentielles System mit der Fähigkeit zur vollständigen Regulation. Beim Hühnerembryo werden aber die beiden anterio-posterioren bzw. dorso-ventralen Achsen schon vor der Anlage der Extremitätenknospe festgelegt. Die proximal-distale Achse wird durch induktive Wecheslwirkungen zwischen Mesoderm und Ektoderm festgelegt. Retinsäure wirkt als morphogene Substanz.
Die DNA enthält neben der genetischen Information ein
präzises
Programm, nach dem sich der betreffende Organismus entwickelt und funktioniert,
sowie historische Information, in der sich die Stammesgeschichte widerspiegelt.
Das Kernproblem der Entwicklungsgenetik ist die Frage, wie die eindimensionale
Struktur der Information in der DNA in die drei- bzw. vierdimensionale Struktur
eines Organismus übersetzt wird. Organismen entwickeln sich nicht nach
rein
ökonomischen oder rationellen Gesichtspunkten, sondern sind historisch
gewordene Wesen: Gewisse Entwicklungsaspekte (z.B. Anlage der Kiemenspalten
bei Wirbeltieren)
lassen sich nur aufgrund der Entwicklungsgeschichte verstehen. Dennoch bestehen
bestimmte für ganze Organismenreiche geltende Entwicklungsprinzipien.
Bereits 1934 hat Morgan die Theorie
der differentiellen Genaktivität formuliert und
die Hypothese aufgestellt, daß die Entwicklung durch sukzessive Aktivierung
verschiedener Batterien von Genen gesteuert wird. Außerdem postulierte er,
daß verschiedene Regionen des Eicytoplasmas die Aktivität der Gene unterschiedlich
beeinflussen und dadurch die Zelldifferenzierung einleiten.
Schon 1923 wurde von Bridges bei
Drosophila die erste homeotische
Mutante (bithorax, bx)
gefunden, bei der der vordere Abschnitt des Metathorax (T3), der beim Wildtyp
Halteren trägt (Abb. 3.28), in den vorderen Abschnitt des flügeltragenden Mesothorax
(T2) umgewandelt wird.
Auch beim Nemathoden Caenorhabdits,
der keine erkennbare Segmentierung aufweist, wurden homeotische
Mutanten gefunden,
deren Effekt auf einzelne Zellen bzw.
Zellteilungen im Zellstammbaum beschränkt ist.
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Abb. 3.28: Anlageplan und Segmentierung bei Drosophila. |
Außer den homeotischen
Mutationen , die das räumliche Differenzierungsmuster beeinflussen, gibt
es bei Caenorhabditis noch heterochrone Mutanten,
die sog. Chronogene betreffen,
und das zeitliche Entwicklungsschema betreffen.
Homeotische und heterochrone Mutanten sind für die Steuerung der Entwicklung
und für die Evolution von großer Bedeutung.
Gentechnische Verfahren haben ermöglicht, homeotische Gene zu klonieren und ihre
Steuerungsfunktion zu analysieren. Bei Drosophila gibt es zwei Komplexe
eng gekoppelter homeotischer Gene (Bithoraxkomplex), der die hinteren
Körpersegmente (von Mesothorax T2 bis zum Abdominalsegment A8) kontrolliert,
und den Antennapediakomplex, der die Bildung der vorderen Segmente von
T2 bis zum Kopf reguliert. Bei der Klonierung dieser Komplexe wurde entdeckt,
daß die meisten homeotischen Gene eine charakteristische DNA-Sequenz von 180
b (die Homeobox) enthalten (Abb. 3.27).
Die Homeobox codiert für eine Polypeptidsequenz von 60
Aminosäuren (Homeodomäne), die nur einen Teil der wesentlich
größeren homeotischen Proteine ausmacht (Abb. 3.27B). Durch Verwendung
der Homeobox als Sonde gelang es in kürzester Zeit, mehr als 20 Drosophila-Gene
zu isolieren, die eine homeotische oder eine andere für die Entwicklung wichtige
Funktion haben. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, daß die Homeobox nicht
auf Insekten und ihre engeren Verwandten beschränkt ist, sondern von Hefen
und Nematoden bis hin zum Menschen vorkommt und ihre Sequenz im Verlauf der
Evolution außergewöhnliche konstant geblieben ist.
Aus Untersuchungen geht hervor, daß die homeotischen Gene nach genauen räumlichen
und zeitlichen Mustern exprimiert werden. Die Realisierung des Bauplans erfolgt
bei Drosophila (Abb. 3.28) in drei Stufen: Zuerst werden im unbefruchteten
Ei die Polarität und die räumlichen Koordinaten, d.h. die Körperachsen, festgelegt.
ANschließend wird ein reptitives Muster von Körpersegementen determiniert,
und schließlich werden die einzelnen Körpersegmente spezifiziert, so daß ein
sequenzielles Muster von Segmenten entsteht. Diese drei Phasen der Musterbildung
entsprechen drei Hauptklassen von Genen, die den Bauplan spezifizieren:
In allen drei Klassen findet man Homeoboxgene: Die Genprodukte
der Maternaleffektgene
bicoid (bcd) und caudal (cad) bilden im
befruchteten Ei einen Gradienten mit
der höchsten Konzentration am Vorder-
bzw. Hinterpol, die auf unterschiedliche Weise entstehen.
Alle Proteine mit einer Homeodomäne akkumulieren sich schließlich
im Zellkern, wo sie ihre Funktion ausüben. Die Entstehung des cad-Gradienten
könnte auf einer Wechselwirkung mit bcd beruhen.
Die Segmentierungsgene reagieren
auf diese Gradienten und ihre Genprodukte und bilden ein periodisches Streifenmuster,
das die Anzahl und Polarität der
Körpersegmente determiniert. Mit den Proteinen dieser Segmentierungsgene
signalisieren die Zellkerne einenader gegenseitig ihre Position. Dadurch entsteht
das präzise Streifenmuster, das den Anlageplan widerspiegelt (Abb. 3.30).
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Abb. 3.30: Expression von Homeoboxgenen im Drosophila-Embryo: Immunolokalisation der Proteinprodukte. |
Zwischen
den Maternaleffekt- und den Segmentierungsgenen besteht also ein hierarchisches
Netzwerk von Wechselwirkungen.
Im Verlauf der Blastodermbildung beginnt auch die Expression der homeotischen
Gene im engeren Sinne, die sowohl die Identität der einzelnen Körpersegmente
als auch deren Reihenfolge bestimmen, so daß z.B. der Mesothorax T2 zwischen
T1 und T3 zu leigen kommt. Antennapedia (Antp) wird beispielsweise
im Thorax (hauptsächlich in T2) exprimiert, während Sex combs
reduced (Scr) v.a. im Labialsegment und T1 aktiv ist (Abb.
3.30C).
Die genetische Analyse der homeotischen Gene weist darauf
hin, daß die homeotischen Proteine eine genregulatorische
Funktion besitzen,
was durch molekularbiologische Experimente bestätigt werden konnte.
Bei der
Entwicklung des Nervensystems haben Homeoboxgene ebenfalls
eine zentrale Funktion.
Bei anderen Organismen außer Drosophila ist über die Funktion der homeotischen Gene noch wenig bekannt; jedoch wurde bei Caenorhabditis z.B. im homeotischen Gen unc-86 ebenfalls eine Homeobox gefunden. Auch bei Wirbeltieren gibt es Hinweise, daß homeotische Gene die Segmentierung (d.h. Gliederung des Mesoderms in Somiten) steuern, und sogar beim Spemannschen Organisator scheinen die Homeoboxgene die Positionsinformation zu spezifizieren. Diese Befunde unterstützen eine allgemeine genetische Theorie der Entwicklung, die es erlaubt, die Entwicklungsprozesse aufgrund der Wirkungen und Wechselwirkungen von Genen zu verstehen.
Regeneration ist der Ersatz verlorengegangener Teile
eines Individuums. Eine extreme Form davon ist die ungeschlechtliche Fortpflanzung,
bei der aus Teilen eines Individuums wieder ein Ganzes entsteht. Bei höheren
Tieren ist diese Fähigkeit zwar verlorengegangen, aber dennoch werden Körperteile
laufend durch physiologische Regeneration ersetzt (z.B. oberste Hautschicht,
Blutzellen) oder periodisch abgestoßen (z.B. Cuticularstrukturen bei Insekten,
Federn bei Vögeln, Haare bei Säugern, Uterusschleimhaut beim Menschen).
Bei der reparativen
Regeneration werden Körperteile ersetzt, die infolge von
Verletzungen verlorengegangen sind. Bei vielen Wirbellosen kann nicht nur das
Ganze einen Teil ersetzen sondern aus einem kleinen Teil kann wieder ein Ganzes
entstehen.
Bei Wirbeltieren sind die Regenerationsvorgänge mit Zellwachstum verbunden
(Epimorphose).
DIe Mechanismen der Regeneration sind bei der Beinregeneration
an Amphibien eingehend untersucht worden. Dabei beobachetet man eine Dedifferenziation
und eine Redifferenzierung.
Einzeller (z.B. Protozoen) können sich theoretisch unberenzt teilen, Klone, die sich rein mitotisch vermehren, haben aber dennoch eine begrenzte Lebensdauer. Das Altern der Klone kann jedoch durch gelegentliche Autogamie oder Konjugation (s. Abb. 3.2) überwunden werden.
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Abb. 3.2: Konjugation. |
Da dabei der Macronucleus aus dem Micronucleus regeneriert
wird, können die im Makronukleus akkumulierten Mutationen eliminiert werden.
Mit der Trennung von Keimbahn und Soma wurde beim Übergang vom Einzeller zum
Vielzeller der natürliche Tod des Individuums als biologisches Phänomen begründet.
Das Soma bleibt als Leiche zurück, und nur die Zellen der Keimbahn leben in
der nächsten Generation weiter. Allein bei einfachen Metaozen (z.B. Hydra)
gibt es noch totipotent gebliebene somatische Reservezellen (I-Zellen), die
zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung dienen können. Höhere Metazoen haben eine
begrenzte Lebensdauer, die zwar von den Umweltbedingungen abhängt, deren Rahmen aber genetisch bestimmt ist.
Ein derart porgrammierter Individualtod ist wohl das Ergebnis natürlicher Selektion,
die bewirkt hat, daß die älteren Generationen den Nachkommen, die neue genetische
Varianten repräsentieren, "Platz machen". Die Reproduktionsfähigkeit somatischer
Zellen kann sich von derjenigen des Individuums wesentlich unterscheiden. Auf
den genetisch programmierten Zelltod wurde hingewiesen. Umgekehrt können Zellen
aus Säugetieren und Zellen von Imaginalscheiben viele Jahre nach dem Tod des
Spenders in Zellkultur gezüchtet werden. Dennoch scheinen sich normale menschliche
Fibroblasten nur über etwa 50 Zellgenerationen in Kultur zu teilen und damit
ihre maximale klonale Lebensdauer erreicht zu haben.
Über die Mechanismen der Alterung ist noch wenig bekannt.