Zusammenfassung Wehner-Gehring: "Zoologie", 22. Auflage (Thieme, Stuttgart)

B. Organismus: genetisches Programm und seine Realisation

Die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist in den Genen enthalten. Das Gen ist eine Funktionseinheit, die ein Erbmerkmal (Phän) bestimmt. In der Regel enthält jede Zelle einen vollständigen Satz von Genen, ein vollständiges Genom. Im Verlauf der Zellteilung wird jedes Gen exakt verdoppelt (repliziert) und je eine Kopie auf die Tochterzellen übertragen. In seltenen Fällen treten erbliche Veränderungen – Mutationen – in den Genen auf. Durch Austausch von Genen – Rekombination – entstehen bei der sexuellen Fortpflanzung zahlreiche neue Genkombinationen. Mutation und Rekombination bilden eine wichtige Voraussetzung für die stammesgeschichtliche Entwicklung (Evolution).
Die Erbsubstanz besteht aus Nucleinsäuren, langen Kettenmolekülen aus zahlreichen hintereinander angeordneten Bausteinen. Die Erbinformation ist in der Reihenfolge der Bausteine enthalten. Ein Gen stellt einen Abschnitt einer Nucleinsäurekette dar. Die Nucleinsäuremoleküle enthalten die Information für die Synthese der entsprechenden Proteine. Beim Ablesevorgang wird die Erbinformation in Proteine übersetzt. Diese Übersetzung erfolgt aufgrund des genetischen Codes. Die Universalität des genetischen Codes, der von den Prokaryoten bis zum Menschen gilt, weist auf die Verwandtschaft aller bekannten Lebewesen und deren Abstammung von gemeinsamen Vorfahren hin.
Die Erbinformation enthält ein genaues Entwicklungsprogramm, das die Entwicklung von der befruchteten Eizelle bis zum erwachsenen Organismus steuert. Bei vielzelligen Organismen haben zwar alle Körperzellen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein vollständiges Genom, aber die Erbinformation wird in verschiedenen Zellen nach einem exakten räumlichen und zeitlichen Muster nur teilweise abgerufen. Dieses Muster der differentiellen Genexpression wird durch Kontrollgene und – in geringerem Maße – durch Umweltfaktoren gesteuert. In neuester Zeit ist es gelungen, diese Kontrollgene zu identifizieren und wesentliche neue Einsichten in die Natur des Entwicklungsprogramms zu gewinnen, die zu einer allgemeinen genetischen Theorie der Entwicklung führen.