Wegen des übersichtlichen Bauplans ihres ZNS sowie der enormen Größe und guten Identtifizierbarkeit vieler ihrer Neuronen ist die Meeresschnecke Aplysia (Opisthobranchia; A) zum neurophysiologischen Paradeobjekt avanciert. Ihr ZNS, das sich generell bei Mollusken in mehrere Ganglienpaare gliedert (B), enthält 20.000 Nervenzellen, von denen einige geradezu gigantische Ausmaße erreichen (Durchmesser bis zu 1 mm). Im größten Ganglion, dem Abdominalganglion (C), sind über 100 dieser polyploiden Riesenzellen nach Lage ihrer Zellkörper an der Ganglienoberfläche, Struktur und Verschaltungsplan ihrer Dendritenbäume (z.B. D) sowie Art ihres Neurotransmitters "inventarisiert" worden.
***Abb.Box6.2,S.268***
Die Rolle, die diese Nervenzellen bei der Steuerung des Verhaltens
spielen, sind in einigen Fällen recht genau bekannt. Berührt man z.B. den Siphon
(Si), durch den die Schnecke das Atemwasser aus der Mantelhöhle ausstößt (Reiz
I), wird die Kieme (Ki) unter Vermittlung eines monosynaptischen Reflexbogens
(N1 ® N2 in Abb. 6.12) zurückgezogen. Dieser
Rückziehreflex kann vom Cerebralganglion (G2) gehemmt werden, nach Reizung
von Mechanorezeptoren des Kopfes (Reiz II) verstärkt werden. D zeigt die Struktur
eines der beteiligten 6 Motoneuronen (in Abb. 6.12 ist nur eines, N2, angegeben).
Die vorn am Abdominalganglion sitzenden Beutelzellen (Bz in C) produzieren
Neurosekrete (Proteine), die verschiedene Verhaltensweisen des Fortpflanzungsverhaltens
steuern. Alle diese Neurosekrete (z.B. das Eilegehormon, 36 AS) gehen durch
Spaltung aus einem Vorläuferprotein (271 AS) hervor, das von einem einzigen
Gen codiert wird.
Au Auge, Bz Beutelzellen, G 1-5 Buccal-, Cerebral-, Pleural-, Pedal-, Abdominalganglion, Ki Kieme, Kn Kiemennerv, Ko Kopf, Kt Konnektiv, Mr Mantelrand, N2 Motoneuron, Pa Parapodium (Schwimmorgan), Si Siphon, Sn Siphonnerv, Tv, Th vordere und hintere Tentakel.